Birgit und Corinna aus dem Bundesland Bremen sind zu frühem Ruhm gekommen. Die kleinen Mädchen, beide sechs Jahre alt, kennen einander nicht, denn Birgit wohnt in Bremerhaven, Corinna in Bremen. Ihre Gemeinsamkeit: Hohe und höchste Gerichte befassen sich mit ihnen. Das Bremer Parlament widmet ihrem Problem einen Tagesordnungspunkt. Die Kinder siegten über Behörden, die Administration müßte klein beigeben. Es geht um Schulen und um Schulwege.

Fall Birgit: Sie ist seit 14 Tagen das wohl am meisten photographierte Kind in der Bundesrepublik. Reporter geben sich in Bremerhaven-Weddewarden die Klinke in die Hand. Der Grund: Nicht auf einer einsamen Hallig im Meer, sondern mitten in einer Stadt von 140 000 Einwohnern hat eine Sechsjährige seit einigen Wochen und für eine noch nicht absehbare Zeit eine Schule und eine Lehrerin für sich ganz allein.

Der Beschluß des Bremerhavener Magistrats, die nur noch von 80 Kindern besuchte Schule Weddewarden zu schließen – sie soll zu einer Schule für geistig Behinderte umgebaut werden – stieß auf vehemente Elternproteste. Mit dem Katzensprung von Zuhause zur Schule, mit dem ungefährlichen Weg um die Ecke war es nun aus; das brachte vor allem die Eltern der Jüngsten, deren Schulbeginn bevorstand, in Harnisch.

Vier Eltern von Abc-Schützen zogen vor Gericht. Sie verloren in erster Instanz. Ihre Klage war nach Ansicht der Bremer Verwaltungsrichter unbegründet. Drei Elternpaare gaben auf, das Ehepaar Müller ("wir fühlen uns absolut im Recht"), kämpfte für die Tochter Birgit weiter. Mit vorläufigem Erfolg. Das Oberverwaltungsgericht Bremen (OVG) verfügte: Birgit muß in die Schule Weddewarden aufgenommen werden, die Schulbehörde darf das Kind nicht woanders einschulen. Für die anderen 18 Kinder, die ursprünglich auch als Anfänger in diese Schule gehen sollten, gilt die Anordnung nicht. Birgit hat damit zunächst gewonnen, ist aber zugleich zum Alleinsein verurteilt.

Der Prozeßvertreter von Birgits Eltern hat inzwischen die Eröffnung des gesamten Schulbetriebs in Weddewarden beantragt. Nach seiner Ansicht verstößt der isolierte Einzelunterricht gegen Schulgesetz und Lehrplan. Dort heißt es im Kapitel "Lernen in der Grundschule", den Kindern müsse soziales Verhalten und Einordnung in die Gemeinschaft beigebracht werden. Birgits Eltern und ihr Anwalt sind sicher: Birgit plus Lehrerin können das allein nicht schaffen. Dem einsamen Kind drohen Verhaltensstörungen. Falls dem "Schuleröffnungsantrag" des Anwalts, den das OVG inzwischen dem Magistrat weitergereicht hat, stattgegeben wird, ist mit Gesellschaft für Birgit im Handumdrehen zu rechnen. Zwölf Elternpaare fordern, ermutigt durch den Erfolg der Familie Müller, die sofortige Einschulung ihrer Kinder in Weddewarden.

Ob der behördlich geplante neue Schulweg nun zumutbar oder unzumutbar im Sinne der Juristen ist, weiß noch immer niemand. Die vorläufige Anordnung des Oberverwaltungsgerichts hat nämlich mit dieser Frage gar nichts zu tun. Birgit darf nur deshalb in der eigentlich schon geschlossenen Schule sein, weil das OVG dem Magistrat Formfehler, man könnte auch sagen Schlampereien nachgewiesen hat. Dort war man zum Beispiel in Unkenntnis darüber, daß eine Schulschließung ein anfechtbarer Verwaltungsakt ist und daß der Einspruch der Eltern aufschiebende Wirkung hat. Auch hatte der Magistrat versäumt, die sofortige Vollziehbarkeit seiner Entscheidung, Birgit nicht in Weddewarden einzuschulen, anzuordnen.

Bis zur Entscheidung des Falles Birgit in der Hauptsache würde normalerweise länger als ein Jahr vergehen. Angesichts des kostspieligen, grotesken Zustands jedoch will das OVG bereits am 3.. Oktober in Bremerhaven über die Klage von Birgits Eltern verhandeln. Dann wird es; um die Zumutbarkeit des Schulweges gehen.