Von Barbara Hartl

Wenn es im französischen Äther rauscht und knackt und pfeift, dann pocht der Staatsrundfunk auf sein Monopol. Von ihrem Hauptquartier hoch auf dem Eiffelturm und von zahllosen Kontrollwagen im ganzen Land aus verderben die Störspezialisten der staatlichen Télédiffusion de France (TDF) den Piratensendern mit Namen wie "Radio Notausgang", "Radio schönes Delirium" oder "Wie grün war mein Radio!" den Spaß an der illegalen Frequenzbenutzung. Allein in Paris gibt es mindestens zehn, im gesamten Frankreich rund hundert solcher "radios libres" – zum Beispiel in Lille und Marseille, in Cannes, Montpellier und Besançon. Sie senden aus dem eigenen Keller oder der guten Stube.

Entstanden sind sie im Schlepptau des Umweltschützersenders "Radio Verte Fessenheim", der seit über einem Jahr in Betrieb ist und in deutscher Sprache auch Teile der Bundesrepublik und der Schweiz bedient. Gegen die Störungen hat sich die Stimme der Atomkraftwerksgegner mit zehn "wandernden" Sendern gewappnet. Die bunte Mischung der anderen Piraten reicht von Feministinnen ("les radioteuses"), Homosexuellen ("Radio-Fil-Rose") und Gastarbeitervertretern ("Radio Travailleurs Immigrés") über vorwiegend in der Hauptstadt angesiedelte politische Extremisten oder Regionalpatrioten ("Radio Occitania"), die ihr Engagement aus eigener Tasche finanzieren, bis zu kommerziellen Spekulanten wie "Generation 2000". Sie alle haben mit einem bevorstehenden Ende des seit 1945 bestehenden staatlichen Rundfunkmonopols gerechnet. Eine Hoffnung, die eine Zeitlang nicht ganz unberechtigt schien.

Schon vor den Wahlen im März erweckte Staatspräsident Giscard d’Estaing den Eindruck, als sei er einer Liberalisierung der Rundfunk- und Fernsehbestimmungen nicht abgeneigt. Während die sonst in allen Punkten zerstrittene Linke mehr oder weniger für das Monopol Stellung bezog, ließ Premierminister Barre heimlich, still und leise (so will es jedenfalls der Nouvel Observateur erfahren haben) von der TDF zwischen den beiden Wahlgängen für den Fall einer Niederlage eine Studie über die Einrichtung von Privatsendern anfertigen. Sie verschwand freilich nach seinem Wahlsieg gleich wieder in der Schublade.

Im südfranzösischen Montpellier operierte "Radio-Fil-Bleu" ganz offen unter der Leitung des Ex-Bürgermeisters der Stadt und jetzigen Staatssekretärs für Umweltfragen, dem Giscard-Parteifreund François Delmas. Euphorie machte sich breit, als ein Gericht den Sender in einem von der TDF angestrengten Prozeß wegen einer lückenhaften Gesetzgebung nicht bestrafte.

Mitte Mai war der Traum dann ausgeträumt. Mit großer Mehrheit verabschiedete das Parlament eine Verschärfung der Monopolbestimmungen. Seitdem drohen den Äthersündern Gefängnisstrafen bis zu einem Jahr und Geldbußen bis zu 100 000 Francs. Im Falle einer Verurteilung wird außerdem das gesamte Sendematerial beschlagnahmt. "Radio Rocket", "Generation 2000" und "Radio 93" haben dies inzwischen am eigenen Leib zu spüren bekommen. Ihnen wurden, je nach Gutdünken des jeweiligen Gerichts, zwischen 2000 und 50 000 Francs abgeknöpft.

Nach Verabschiedung der Gesetzesänderung sendeten die Rundfunkpiraten, – wie einst de Gaulle, einen Durchhalteappell aus London. Die linke Presse klagte. Der Nouvel Observateur erinnerte sich an die Zeit der deutschen Besatzung, als Vichy die Londoner Sendungen des Generals ständig stören ließ. Das härteste Urteil erlaubte sich das englischsprachige Paris Metro, das Frankreich auf dem Gebiet der Medienpolitik der "repressivsten Gesetzgebung der westlichen Welt" zieh, die sich direkt von "Attila dem Hunnen" herleite.