Zur verstärkten Zusammenarbeit und Verständigung in Europa hat der polnische Kardinal-Primas Stefan Wyszynski beim Abschluß seines Besuchs in der Bundesrepublik aufgerufen.

In einer Erklärung kurz vor seinem Abflug aus Köln forderte Kardinal Wyszynski als Ergebnis seines fünftägigen Aufenthaltes eine zielbewußte Fortsetzung der Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Polen. Diese Wiederannäherung müsse freilich von den "Grundprinzipien der christlichen Sittlichkeit" getragen sein. Nur dann könne sie "vielseitig und ehrlich sein und zur gegenseitigen Bereicherung führen".

Bei den deutsch-polnischen Beziehungen könne man "nicht immer in die Vergangenheit zurückblicken, obwohl man sich ihrer erinnern muß, um keine Fehler zu wiederholen", sagte der Kardinal. Durch den Besuch zahlreicher Stätten, die mit der Christianisierung Deutschlands verbunden sind, und auch mit dem Aufenthalt an dem "durch Märtyrerblut geheiligten Ort Dachau" sei seine Reise eine "echte Pilgerfahrt" gewesen. Wie Missionare und Märtyrer verschiedener Völker die Grundlage der Zusammenarbeit zwischen allen christlichen Nationen gelegt hätten, sei heute bei der "Aufgabe der Rechristianisierung Europas" ein ähnliches Zusammenwirken erforderlich.

Der Primas wiederholte seine Aufforderung aus seiner Ansprache an die deutschen Katholiken im Kölner Dom, Europa müsse "erneut wahrnehmen, daß es ein neues Bethlehem ist – für die Welt, für alle Völker und Nationen". Europa, "das durch die Kirche jenen Frieden bekommen hat, den uns die Welt nicht zu geben vermag", dürfe "weiter keine Munitionsfabrik bleiben, kein internationaler Waffenhandelsplatz und Waffenlieferant, kein Versuchsgelände für Kriege, für Selbstquälerei der Völker und Nationen".

Gerade für Europa, "das durch die Feuer verschiedenartiger Gesellschaftsordnungen mit den dabei gemachten Erfahrungen und Enttäuschungen geläutert worden" sei, sei die Sprache des Evangeliums, der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens "immer aktuell". Die Jugend der Völker, "müde des Sattseins und des Überdrusses", "müde aber andererseits des Kommandostils von Kaserne und Polizei", verlange nach dieser Sprache.

Abschließend bedankte sich Wyszynski in seiner in polnischer Sprache gehaltenen Erklärung, zu der keine Journalistenfragen zugelassen waren, für die herzliche Aufnahme und die offenen und ehrlichen Gespräche mit den Vertretern der deutschen Bischofskonferenz. Der Kölner Erzbischof Kardinal Joseph Höffner hatte zuvor die Begegnung mit den Vertretern des polnischen Episkopats als eine Vollendung des "Brückenbaus der Versöhnung" gewürdigt. Mit ihrem Versöhnungs- und Friedenswillen setzten Polen und Deutsche nun ein "Zeichen christlicher Hoffnung".

Auf starke Beachtung stieß der Besuch Kardinal Wyszynskis auch in den polnischen Massenmedien. Das staatliche Fernsehen und die meisten polnischen Zeitungen berichteten insbesondere über die Besichtigung des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau durch den Kardinal, an der auch der polnische Botschafter in der Bundesrepublik, Jan Chylinski, teilgenommen hat. Ulrich Völklein