Von Hansjakob Stehle

Rom, im September

Was Italiens Terroristen im Frühjahr nicht schafften, droht den römischen Parteien in diesem Herbst zu gelingen: eine Erschütterung des Notstands-Kompromisses, der das zerbrechliche Gleichgewicht des Landes seit nun sechs Monaten aufrechthält. Alle beteuern, dies sei nicht ihre Absicht; doch Ministerpräsident Andreotti hatte dieser Tage guten Grund zur Warnung, aus verknotetem ideologischem Zwirn Fallstricke für seine Regierungsmehrheit zu drehen. Der Christdemokrat Andreotti hat zwar auch Sorgen mit seinen eigenen Parteifreunden, die schon jetzt Fronten für ihren Parteikongreß im Frühjahr aufbauen, indem sie an der Formel des Confronto zerren, also jenes "Kräftemessen" in Frage stellen, das dem Zweckbündnis der Democrazia. Cristiana mit den Kommunisten bislang eine nebulöse, gleichwohl brauchbare Begründung gibt. Viel gefährlicher erweisen sich jedoch für diese Allianz die Stöße, die ihr seit Monaten mit eigensinnigem Eifer die Linken versetzen; Italiens sozialistische Partei (PSI), die sich nach langem Siechtum zwischen den beiden Großen nun auf deren Kosten, fast um jeden Preis, profilieren und erholen will.

Sie versucht, es, seit Benito Craxi, der 44jährige rührige Sozialisten-Chef, den Kongreß seiner Partei im März für eine "sozialistische Alternative" gewann. Sie soll sowohl scharf antileninistisch wie entschieden antikapitalistisch sein, also die Kommunisten rechts und links überholen und den Christdemokraten zugleich den "historischen Kompromiß" mit Berlinguers KP verleiden. Die Entführung und Ermordung Aldo Moros behinderte Craxi nicht, sondern diente ihm als Anlaß zum ersten Kraftakt: Als einziger führender Politiker Italiens empfahl er Verhandlungen mit den Terroristen, sogar einen "begrenzten Gefangenenaustausch" zur Rettung Moros. Dabei scheute er sich nicht vor widerspruchsvollen Argumenten: Am 1. Mai ließ er in seinem Parteiorgan Avanti die Terroristen wissen, daß sie ihr Ziel, die Destabilisierung der italienischen Demokratie, "durch Moros Ermordung besser erreichen würden als mit seiner Freilassung". Am 18. Mai jedoch, nach Moros Tod, meinte Craxi in einem stern-Interview, die Terroristen hätten sich durch diesen Mord "um den politischen Triumph gebracht, den sie erzielt hätten, wenn Moro freigelassen worden wäre".

Schon am 30. April hatte Craxi dem französischen Sozialistenchef Mitterrand "schreckliche Worte" über Italiens unnachgiebige Christdemokratie anvertraut: "Jemand braucht Blut." Am 14. September drohte Craxi weitere Enthüllungen aus seinem Tagebuch an und sprach von einer "vorweggenommenen passiven Hinnahme des Martyriums (Moros) zur Verteidigung des Staates". Diese Andeutungen wurden plötzlich Mitte September durch acht (bis dahin unveröffentlichte) letzte Briefe Moros scheinbar untermauert: Da wird den Christdemokraten "sozialistische Humanität" vorgehalten, die ihnen besser anstehe als "kommunistische Härte". Da klagt Moro, er erhalte von den Kommunisten, die er doch in die Regierungsmehrheit gebracht habe, nun "als Preis die Todesstrafe", doch die "volle Verantwortung" für seinen Tod trage die Democrazia Cristiana. Es ist wohl kein Zufall, daß diese Briefe gerade in dem Augenblick veröffentlicht wurden (der Avanti widmete ihnen eine ganze Seite), als es Craxi gelungen war, die Kommunisten in einen lautstarken Streit zu verwickeln, der ihre Zuverlässigkeit als Regierungspartei ideologisch und moralisch in Frage stellte. Kaum hatte nämlich Berlinguer in einem langen Interview Anfang August wieder einmal zaghaft und gewunden seine Distanz zum Leninismus beschrieben und angekündigt, daß der Begriff "Marxismus-Leninismus" im KPI-Statut durch eine "andere Formel ersetzt" werde, da holte Craxi zu einem unerwarteten Schlag aus.

Zuerst mit polemischem Vorgeplänkel, dann in einem "Essay", rechnete er mit dem "asiatisierten" Kommunismus Lenins ab und berief sich dabei nicht einmal auf Marx, sondern auf so gegensätzliche Kronzeugen wie Proudhon, Rosa Luxemburg und Cohn-Bendit. Ohne sich mit Berlinguer direkt anzulegen, traf er diesen an der empfindlichsten Stelle: Für dessen "dritte Lösung" – weder sozialdemokratisch noch sowjetkommunistisch – ließ Craxi keinen Platz. Einer seiner Berater ging noch weiter: Eine "Heirat" zwischen Freiheit und Sozialismus sei zwar wünschenswert und möglich, eine "Verwandtschaft" hingegen bestehe da nicht.

Was steckt hinter dieser Debatte, die nun seit Wochen mit dem Eifer eines Glaubensstreits ausgefochten wird? Lenkt sie nicht von der Tatsache ab, daß die Haltung der Berlinguer-Kommunisten, ihre Loyalität im Regierungsbündnis, ihr seit Jahren praktizierter Verzicht auf revolutionäre und subversive Systemzerstörung, ja ihre – bislang noch geduldige – Hinnahme des Risikos, Anhänger zu verlieren, politisch mehr wiegen als all ihre sentimentalen Schwüre auf den Bart des Propheten? Wenn Craxi den ideologischen Revisionsprozeß im italienischen Kommunismus vorantreiben wollte, so hat die Methode, mit der er dies betreibt (ohne Rücksicht auf die heikle Balance der Regierungsparteien, zu denen die Sozialisten gehören) eher das Gegenteil bewirkt.