Von Josef Joffe

In Damaskus hat sich zum zweitenmal eine Fronde der Verweigerer gegen den ägyptischen Staatspräsidenten Anwar el-Sadat formiert. Wie schon nach Sadats Jerusalemreise forderte Syriens Präsident Hafiz el-Assad auch jetzt das Volk und die Armee Ägyptens auf, sich gegen den Verräter "durchzusetzen". Wie im vorigen November, verabschiedeten die "Standfesten" – neben Syrien der Südjemen, die PLO, Algerien und Libyen – ein Bündel von Gegenmaßnahmen, das den Abtrünnigen zu Fall bringen soll. Die Fünf fordern: einen Wirtschaftsboykott gegen Ägypten, engere Beziehungen zur Sowjetunion, schließlich die Gründung eines militärischen Oberkommandos mit gemeinsamer Kasse.

Es war ein Blick zurück im Zorn – und voller Ohnmacht. Die Schwäche des Fünfer-Kartells offenbarte sich schon während der Gipfelkonferenz am vorigen Samstag in Damaskus. Der "verrückte Bube" Ghadaffi – wie Sadat den Libyer im Dezember 1977 titulierte – schlug mitten in einer Sitzung mit der Faust auf den Tisch und brüllte den PLO-Chef Jassir Arafat an: "Hältst du mich für einen Idioten?" Dann stürmte er aus dem Saal. Arafat hatte anscheinend zu viele Petrodollar-Millionen aus Ghadaffis Schatulle für sich reklamieren wollen. Algeriens Staatschef Boumedienne wartete wenigstens bis zum Abschluß der Konferenz, aber dann flog er sofort nach Algier zurück, um so seinen Ärger über den Wankelmut der "Standfesten" zu demonstrieren.

Wie sollte es auch anders sein? In diesem Zweckbündnis stoßen zu viele unvereinbare Interessen aufeinander, die sich auch durch den gemeinsamen Haß auf Israel nicht ausgleichen lassen. Ghadaffi möchte in erster Linie Nassers panarabisches Erbe antreten. Deshalb will er dessen Nachfolger Sadat aus dem Weg räumen, den – er seit Jahren als Verräter an der "arabischen Revolution" verteufelt. Algerien ist darauf bedacht, Verbündete gegen seinen Nachbarn Marokko zu gewinnen; beide streiten sich seit gut drei Jahren um die West-Sahara. Der Südjemen wiederum sucht Unterstützung gegen die Saudis, die diese sowjetfreundliche Enklave am Golf einkreisen und isolieren wollen. Und die Palästinensische Befreiungsbewegung PLO ist in sich zerstritten – zwischen einem gemäßigten Flügel um Jassir Arafat, der mit einem Teilstaat Palästina liebäugelt, und den Radikalen um Habasch, der den totalen Krieg gegen Israel predigt.

Die Fünf haben sich noch nicht einmal über die Ausstattung der Gemeinschaftskasse in Höhe von 600 Millionen Dollar einigen können. Libyen war wie stets zahlungswillig, machte dies aber von der zukünftigen politischen Linie abhängig. Auch Algerien, das die andere Hälfte tragen soll, brachte einen Vorbehalt an: seine angespannte Wirtschaftslage. Die Entscheidung mußte vertagt werden. Wie will die Fünfer-Front es da schaffen, Ägypten aus der Arabischen Liga zu vertreiben oder gar ein gemeinsames Oberkommando zu errichten? Solche Kommandos sind in der Geschichte des Nahen Ostens immer wieder mit martialischem, Getöse zu Papier gebracht worden, und ebenso oft Papier geblieben.

Bisher hat das Verhalten der drei arabischen Flankenmächte Libyen, Algerien und Südjemen nur eine Konstante des israelisch-arabischen Konflikts verdeutlicht: Das Kriegsgeschrei schwillt mit der Entfernung vom Kriegsschauplatz. Kein Wunder, daß der Konfrontationsstaat Syrien nur zögernd in den Chor der Verweigerer eingestimmt hat. Zusammen mit Syriens abwesendem Todfeind Irak wollen die drei Randstaaten keine friedliche Lösung; Assad hingegen möchte diese Tür zumindest nicht ganz zuschlagen. Dieser Interessenkonflikt ist nicht zu überbrücken: Der kleinste syrische Schritt in die Richtung einer Verhandlungslösung, und die anderen zerreißen ihr brüchiges Zweckbündnis mit Damaskus.

Kein Wunder auch, daß Assad es während der Gipfelkonferenz vermieden hat, in die Verbalattacken gegen Washington einzustimmen. Er hat sich nur einen wohldosierten diplomatischen Affront geleistet, indem er. Amerikas Außenminister Cyrus Vance erst 24 Stunden lang antichambrieren ließ, ehe er ihn am Sonntag durch dessen Amtskollegen Khaddam in einer entlegenen Ecke des Damaszener, Flughafens empfangen ließ. Assad und Vance haben immerhin fünf Stunden lang miteinander geredet. Worüber? Es ist. anzunehmen, daß Vance die Bereitschaft Israels durchblicken ließ, mit Syrien auf dem Golan ein ähnliches Geschäft abzuschließen wie mit Ägypten im Sinai.