Nicht nur Boccaccio-Freunde, Liebhaber des "Decamerone", werden ihr helles Entzücken an den heidnisch-christlichen, frommen und frivolen, höchst erbaulichen und in gleicher Weise pikanten Erzählungen eines Märchenbuches haben, das, wie die Vielzahl der meist lateinisch gehaltenen Handschriften beweist, im Mittelalter den Charakter einer zweiten Bibel besaß. Kein Wunder, daß vor allem die Predigten auf die ebenso frivolen wie dem Seelenheil nützlichen Geschichten zurückgriffen: Am Ende der Huren- und Teufels-Märlein wird die Ordnung wiederhergestellt, die Bösen enden im Brand (sofern man sie nicht zwingt, ihre Speisen aus dem Totenschädel des erschlagenen Liebhabers zu essen) und die Guten leben herrlich und in Freuden bis zum Ende der Tage. Von Inzest und Kinds-Aussetzung, von Irrfahrt und Schiffbruch ist die Rede, von schlimmen Weibern und von Mädchen, die selbst im Bordell ihre Keuschheit bewahren, von Zauber und Wunder, von Hemden, die nie gewaschen werden müssen, solange der Ehemann die Treue hält, von abenteuerlichen Betrügereien und von Rätseln, deren Grausamkeit beispiellos ist.

Nein, zahm geht es nicht zu in diesen Geschichten, in denen Könige am Rand des Scheiterhaufens Hof halten und Herren von edlem Geblüt kein größeres Gelüst haben als sich ihren Töchtern und Geschwistern auf nicht eben familiäre Weise zu nähern.

"Gesta Romanorum Das ist ein unterhaltliches Kompendium (wer’s, in dieser Form, wann zusammengestellt hat, wissen wir nicht), in dem knappe Parabeln mit Legenden abwechseln, die Heilige in unheiliger Umgebung vorführen – und die Legenden wiederum werden, durch große Erzählungen ergänzt, Geschichten, die ein Leben von der Geburt bis zum seligen Ausgang beschreiben: der Bericht von Gregorius, dem Geschwisterkind, Mutter-Freier, Einsiedler und Papst (Thomas Mann hat sich seiner im "Erwählten" angenommen) und die Moritat von Apollonius, dem aus Tyrus stammenden Odysseus-Nachfahr, von seiner totgesagten Frau und der während eines Seesturms geborenen Tochter allen voran: Die Mutter im Sarg versenkt (mit dem üblichen Zehrgeld unter dem Kissen), die Tochter in der Ferne verkuppelt.

Kurzum, das liest sich amüsant und spannend, in seiner listigen Didaktik und schlichten Fabulierkunst Und würde sich noch genußreicher studieren lassen, wenn man, zum ersten, dem knappen Vorwort Hermann Hesses ein ausführliches Postskript aus der Feder eines Mediaevisten hinzugefügt und zum zweiten einen neuen Übersetzer aufgeboten hätte. Der redlich Graesse in Ehren, dessen Übertragung von 1842 Hesse der vorliegenden Auswahl zugrundegelegt hat: Sinngetreu klingt das schon, was hier von Schiffern, Mönchen und Räubern erzählt wird – aber was für ein Stil! Erster Satz-Anfang: "Nun war diese Königin gar sehr der heiligen Jungfrau ergeben." Zweiter Satz-Anfang: "Nun verteilte aber diese Königin ... reichliches Almosen." Dritter Satz-Anfang: "Nun begab es sich aber in einer Nacht." Dreimal der Holzhammer: auf den Leser – und auch auf den lateinischen Text niedersausend.

Da capo also, aufs neue mit einer besseren Übertragung – übergangsweise tut’s, in die Ära Jacob Grimms zurückreichend, noch J. G. T. Graesse.

(Das älteste Märchen- und Legendenbuch des christlichen Mittelalters, herausgegeben und eingeleitet von Hermann Hesse; it 316, Insel Verlag, Frankfurt, 1978; 300 S., 7,– DM.)

Walter Jens