Als kürzlich eine CSU-Riege um den Sudetendeutschen-Sprecher Walter Becher zugleich auf die "Tagesthemen" und auf das "heute-journal" des ZDF eindrosch und beide Sendungen der Vermengung von Kommentar, und Nachricht bezichtigte, passierte etwas sehr Bezeichnendes. Beim ZDF befaßte sich der Fernsehrat mit den Vorwürfen und bescheinigte dem "heute-journal" ausdrücklich, daß es auf dem richtigen Wege sei. Der Chef vom "ARD-aktuell", Dieter Gütt, mußte indes seinen Laden selbst verteidigen. Er tat das mit der etwas wackeligen Behauptung: "Uns ist die Objektivität der Berichterstattung von den ARD-Intendanten und den Zuschauern immer wieder bestätigt worden."

Ob solcherlei Bestätigungen durch die Intendanten tatsächlich vorliegen, erscheint fraglich. Schließlich haben sich die Fernsehdirekteren der neun ARD-Anstalten gerade mit einem Vorwurf beschäftigt, der aus ihrer eigenen trauten Runde kommt: Die "Tagesschau" lasse, anders als früher, zunehmend wertende Elemente in ihre Berichterstattung einfließen, und bei den "Tagesthemen" arte die einordnende Moderation (auf die man sich am. grünen Tisch der ARD einst festgelegt hatte) in eine allzu subjektive Kommentierung aus.

Nun kommentieren Kronzucker oder Bresser beim "heute-journal" bisweilen auch recht kräftig – und wahrscheinlich läßt sich ein Nachrichtenmagazin, soll es attraktiv sein, auch gar nicht anders "verkaufen".

Aber im Kern geht es auch gar nicht um diese Frage. Es geht ganz einfach darum, daß Dieter Kronzucker mit seinem "heute-journal" vom streichelnden Rückenwind seiner Anstalt umfächelt wird, während dem "Tagesthemen"-Chef Klaus Stephan (samt seinem Oberchef) der ARD-Wind heftig ins Gesicht bläst. Und das merkt man den beiden Sendungen an. Die ARD-Intendanten mäkeln (zurückhaltend noch, aber von Woche zu Woche gereizter) an "TT" herum – die große Explosion ist am Horizont schon sichtbar.

Aber was könnte sie bewirken? Selbst wenn die erste "Tagesthemen"-Generation, die drauf und dran ist, sich zu verschleißen, ganz oder teilweise abgelöst würde, wäre der Geburtsfehler dieser Sendung nicht behoben. Das liegt daran, daß "TT" eine unselige Kompromißkonstruktion ist. Alle Sender wollten mitmischen und bestanden auf ihrem Zulieferungsrecht – was die Beiträge anbetrifft, ihrer Zulieferungspflicht – was hervorragende Journalisten anbetrifft, sind sie nur sehr verhalten nachgekommen.

So gäbe es, blickt man auf das im Selbstlob stets gerühmte "große Potential der ARD", sicher geeignetere und glanzvollere Moderatoren als die nach dem Sender-Proporz-Schlüssel gegenwärtig "abgestellten". Sicher, Wolf von Lojewski (NDR) ist in seiner bescheiden-kompetenten Art ein Glücksfall, Klaus Stephan (BR) – bei dem man sich fragt, warum ein Chef auch unbedingt noch selbst moderieren muß – verfängt sich zunehmend in dem durch oberflächliche Bedeutungsschwere gezogenen Fallstricken. Ernst Dieter Lueg hält das Publikum weniger durch seine Inhalte in Atem als vielmehr durch die unablässige Spannung darauf, ob er das Ende seiner geschraubten Sätze auch wirklich erreichen wird. Er erreicht es. Aber hinterher weiß man meistens nicht mehr, womit er vorn angefangen hat. Und unser Sportfreund Alexander von Bentheim (SFB)? Er ist die Fehlbesetzung geblieben, die er von Anfang an war.

Beim Vergleich vom "heute-journal" und "Tagesthemen" treten die Vorteile der Zentralisierung und die Nachteile des Neuner-Verbundes deutlicher zutage als je zuvor. Bisher hat das ZDF seinen Vorteil allerdings kaum benützt. Könnte sich das ändern? Der Intendant des Hessischen Rundfunks (und frühere ARD-Vorsitzende), Werner Hess, hat seine Kollegen in den anderen Anstalten unlängst vertraulich wissen lassen, welche Sorge ihm die Zersplitterung und Schwerfälligkeit der ARD bereite. Ohne wirksames Gegenmittel (aber welches?), "wird uns das Zweite Programm in den kommenden Jahren. mit neuen Einfällen und neuen Angeboten in den Schatten stellen können".