Beobachtungen beim größten Manöver, zu dem das Heer in diesem Herbst auszog

Von Alexander Rost

Auf dem Nordufer blitzt und kracht und qualmt es in den Büschen. "Fehlende Manövermunition schränkt die Simulationsmöglichkeiten für verschiedene Waffen ein", habe ich gelesen, in einer Informationsbroschüre, Titel: "Blaue Donau, Gefechtsübung 1978." Hier reicht es. Der simulierte Granatenlärm dauert lange genug, daß man begreift: Dort drüben steht der Feind, und gleich geht’s los! "Blaue Donau", das in diesem Herbst größte Manöver oder die größte (so im korrekten Stabsdeutsch) Gefechtsübung des Heeres, erreicht den telegenen, publikumswirksamen Höhepunkt. Präsentiert wird moderne Technik des Krieges. Das Wort, das mir einfällt, ist uralt: Kriegstheater ...

Ich sitze auf einer Tribüne am Südufer des hier knapp hundert Meter breiten Stromes. Es wimmelt von Generälen und Offizieren in Grau und Oliv, von Herren außer Diensten, die Jäger-Habit bevorzugen, von KSZE-Beobachtern und regionalen Honoratioren und von Militärattachées, die in bunter Montur geradewegs aus dem 19. Jahrhundert heranparadiert sein könnten; nur Chin Len, der General aus China, ist bar aller Rangabzeichen. In einem Rundzelt, vor dem ein Musikkorps spielte, hat es Eintopf und eine "Einweisung in die Lage" gegeben. Angenehm gesättigt, weiß man ungefähr:

Rot hat von Norden angegriffen und sich bis auf dreißig Kilometer dem Großraum München genähert. Blau hat versucht, die Roten in deren rechter Flanke zu fassen, ist aber an der Altmühl gestoppt worden. Die Blauen wollen nun hier an der Donau bei Großmehringen, ostwärts Ingolstadts, aus ihrer (manövertraditionellen) Rolle der Verteidiger hinauswachsen und ihrerseits angreifen. Als aufmerksamer Zeitungsleser merkt man auf: Aha, Vorwärtsverteidigung! Und ein Pionieroberst wie aus dem Bilderbuch der Pioniere, baumlang und bärenstark, ist jetzt der Oberspielleiter des Spektakels.

Sturmboote rauschen durch die natürlich nicht blaue, sondern braungraugrünliche Donau. Ein Schwimmsteg wird gebaut, schwankende erste Verbindung von Ufer zu Ufer. Sechzehn Mann, Fallschirmjäger, traben ins Gefecht. Panzer spielen U-Boot und demonstrieren, was "Tauch-" und was "Watfahrt" ist. Amphibische Ungetüme, Brücken- und Übersetzfahrzeuge, rollen vom Feldweg ins Wasser, geführt von Männern, deren Titel fast so lang ist wie der des Donaudampfschiffahrtsgesellschaftskapitäns; Amphibienführerunteroffiziere heißen sie in der pedantischen Sprache des Militärs. Sie arbeiten kurzentschlossen. Kaum eine halbe Stunde, und die Ungetüme haben sich in Dreiergruppen und dann zur geschlossenen "Kriegsbrücke" formiert. Panzer, Schützenpanzer, Geschütze, Laster fahren hinüber. Mit Genugtuung nimmt man wahr, wie rasch und in welch großer Anzahl die Wagen mit dem Roten Kreuz in der Kolonne auftauchen.

Wie aus einem 007-Film