Die Nummer 67 muß Dampf ablassen. Dicht und weiß quillt er unter der Motorhaube hervor. Der Fahrer steuert den Wagen links an die lehmige Begrenzung und stellt den Motor ab. "Feuer", rufen ein paar Zuschauer. Helfer erscheinen, sehen nach, ob da noch etwas zu machen sei. Nein. Für Nummer 67 ist der Tag gelaufen. Aus, vorbei. Der gewaltige Traktor kommt, klappt die Schaufel herunter, die mit dumpfem Schlag unter die Heckpartie faßt, und schiebt das Gefährt von der Strecke, während die anderen Autos rund um den Kurs warten. Dann ein ohrenbetäubender Hupton. Aus zehn Lautsprechern signalisiert er: Das Rennen geht weiter. Dreizehn knatternde Motoren heulen auf, dreizehn verbeulte, vergitterte, bepinselte Wagen hoppeln dröhnend hintereinander her, stoßen sich an oder um, rutschen, schleudern und überschlagen sich. Nummer 67 ist mittlerweile zum Fahrerlager bugsiert worden. Der Traktor rollt in die Nähe der Bahn zurück: Warten auf den nächsten, dem die Puste ausgeht. Szenen von einem Stock-Car-Rennen im oberschwäbischen Vogt.

Wie vieles, was nach Spektakel und Nervenkitzel schmeckt, haben auch diesen Sport die Amerikaner erfunden. Stock-Car-Wettbewerbe sind Karambolage-Rennen, in denen es darum geht, möglichst viele Konkurrenten zu rammen, wegzuschieben oder schlichtweg fahruntauglich zu machen. Strenge Punktrichter beobachten bei jedem Lauf die Aktionen; jeder Richter bewertet nur einen einzigen Fahrer, notiert zwanzig Minuten lang, ob er anstößt oder angestoßen wird, ob er einen "leichten Crash" oder einen "schweren Crash" produziert, ob er fremde Hilfe benötigt, um weiterfahren zu können, oder ob er einen, der stehengeblieben ist, mit einem elegant-krachenden Aufprall dazu verhilft, daß dieser das Rennen fortsetzen kann. Dafür gibt es Plus- oder Minuspunkte, und wer am Ende die höchste Benotung hat – wobei sich selbsttätiges Überschlagen ganz besonders positiv auf die Bilanz auswirkt –, der darf sich zum Crash-König küren lassen.

Einige tausend Fahrer in der Bundesrepublik beklagen, daß pro Jahr nicht mehr als 12 bis 15 Rennen zu bestreiten sind. Die Strecken – zum Teil in ehemaligen Kiesgruben angelegt – müssen weit genug abseits der Wohngegenden liegen, weil der Lärm der alten Autos höllische Ausmaße annimmt. Die Umweltschützer rebellieren gegen solche Veranstaltungen, die Naturschutzbehörden haben Einwände, und häufig melden auch die Wasserwirtschaftsämter Bedenken an. Sie befürchten, daß beim Catch-as-catch-can auf Rädern Öl und Benzin auslaufen und im Erdreich versickern könnten.

"Stock-Car-Rennen", behauptet Stephan Sinz, Rennleiter bei solchen Veranstaltungen, "erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Es gäbe viel mehr davon, wenn mehr genehmigt würden."

Dabei legen Crash-Fahrer stets drauf. Das Startgeld beträgt in der Regel 50 Mark, der Wagen, der eingesetzt wird, bleibt häufig als Klumpen Schrott an der Bahn zurück. Den Veranstaltern ist das nicht unrecht. Sie schließen Verträge mit Alteisenverwertungsfirmen, die die Überbleibsel der heißen Schlachten aufkaufen und abtransportieren. Der Verlust für die Fahrer hält sich in erträglichen Grenzen. Ein Auto kostet beim Gebrauchtwagenhändler etwa 120 bis 150 Mark. Um das Vehikel rennfertig zu trimmen, sind einige Stunden Arbeit nötig.

Denn es ist einiges zu tun, ehe solch ein Auto den Anforderungen entspricht. Sämtliche Scheiben müssen entfernt und zum Teil durch Maschendraht ersetzt werden. Da, wo die Heckscheibe saß, bleibt eine Öffnung, die als Einstieg dient, weil die Türen verbarrikadiert werden. Aus dem Innenraum verschwinden alle Teile, an denen man sich verletzen könnte. Allein der Fahrersitz bleibt. Besonders kompakte Sicherheitsgurte sollen Halt geben. Zudem werden Überrollbügel und Metallschienen an den Seiten, eingeschweißt, damit beim Salto oder beim Zusammenstoß die Fahrerzelle nicht eingedrückt wird. Lampen, Blinker und die Stoßstangen werden abmontiert. Wer will, darf den Motor frisieren, aber nicht den Hubraum verändern. Erlaubt ist es auch, Zwillingsräder aufzuziehen, um die Bodenhaftung bei den extrem unebenen Rundstrecken zu verbessern. Mancher gießt noch einen Topf Farbe über sein klappriges Monstrum, was zuweilen den Eindruck erweckt, sie sei das einzige, was die arg gebeutelte Karre zusammenhält; Freilich: Der Eindruck täuscht. Klappern gehört hier einfach zum Fahrwerk.

Höchstens zwei Rennen, erzählt Heidi Zellweger, eine der tollkühnen Frauen in den ratternden Kisten, könne man mit dem gleichen Auto bestreiten, "dann isch’s hi". Sie fährt gemeinsam mit Ehemann Armin und Sohn Daniel (sechs Jahre alt, Fernziel: Stock-Car-Fahrer) von Rennplatz zu Rennplatz.