"Die Erben der Tante Jolesch", von Friedrich Torberg. Schon im ersten Band seiner anekdotischen Memoiren ("Die Tante Jolesch" liegt jetzt im 105. Tausend vor) hatte. Torberg angemerkt, "daß die letztem Auswirkungen, jenes untergegangenen Lebensstils" (gemeint sind "die k. u. k. Monarchie und ihr jüdisches Bürgertum zwischen 1918 und 1938" sowie "die Repräsentanten der untergegangenen Kaffeehauskultur") "sich noch in die Emigration hinein, fortgesetzt und erst den eigentlichen Vollzug des Untergangs besiegelt, haben". Unnötig jetzt die Mühe des Autors, sich für das Erscheinen seines zweiten Bandes halbwegs zu entschuldigen, möglichen Verrissen durch drei vorangestellte "Verrißmuster" witzig vorzubeugen. Vorkehrungen: Gern taucht man mit Torberg noch einmal in die Welt der "Tante Jolesch" und in die "Abgründe des Literaturbetriebes" ein, Abgründe, die sich diesmal – emigrationsbedingt – nicht nur in Wien und Prag, sondern auch in Paris, Lissabon, Hollywood und New York auftun. Die Abgründe gähnen, nicht aber der Leser, dem Torberg selbst noch die Schicksals-Turbulenzen des Zweiten Weltkrieges mit melancholischem Witz nahebringt: "...ach, wer wollte und könnte aus dieser Apokalypse des Irrsinns die tragiogrotesken Begleiterscheinungen herausklauben, die der Irrsinn mit sich brachte". – (Ein Emigrant zum anderen in den USA: "Hör zu – warum wir da sind, weiß ich. Aber warum sind die Amerikaner da?") Torberg hat seinen Lesern mit diesem Buch ein nobles Geschenk zu seinem siebzigsten Geburtstag am 16. September 1978 gemacht. (Langen Müller Verlag, München, 1978; 320 S., 26,– DM.)

Hanns-Hermann Kersten

"Frauen als bezahlte und unbezahlte Arbeitskräfte – Beiträge zur zweiten Sommeruniversität für Frauen – Oktober 1977." Eine Berliner Dozentinnengruppe veranstalte die erste Sommeruniversität: unter dem Titel "Frauen und Wissenschaft" wurde zum erstenmal an einer deutschen Universität in dieser einwöchigen Frauen-Veranstaltung in Referaten und Seminaren versucht, einer anderen, einer feministischen Wissenschaft näherzukommen. Diese neue Wissenschaft soll sich nicht nur, weil es gerade aktuell ist, damit begnügen, die akademische Wissenschaft um einen sogenannten Frauenaspekt additiv zu ergänzen" (dokumentiert in: "Beiträge zur Berliner Sommeruniversität 1976"; Gepräge Verlag, Berlin, 1977). Inzwischen hat "diese Woche lernen von Frauen, mit Frauen, über Frauen und Frauengeschichte fast schon so etwas wie Tradition". In der Dokumentation 1977 sind Referate und Erfahrungsberichte abgedruckt über so unterschiedliche Themen wie die feministische Analyse einer Novelle von Boccaccio, die Frauen? politik von SPD und Gewerkschaften oder die Diskussion um die Forderung nach Lohn für Hausarbeit. So werden viele Forschungsergebnisse zugänglich gemacht, die sonst häufig in der Versenkung von Staatsexamens- oder Magisterarbeitsarchiven verschwinden. Mit den Dokumentationen liegt ein – nach längst nicht umfassender – Überblick "der feministischem Diskussion" vor: Zwischenergebnisse einer Frauenwissenschaft, die interdisziplinär arbeiten will und deren Vielfältigkeit schon jetzt erstaunlich ist. (Brauenbuchvertrieb, Mehringdamm 32/34, 1000 Berlin 61; 1978, 534 S., 16,– DM.)

Manuela Reichart