Berlin: "Paul Delvaux"

Paul Delvaux, einer der letzten noch, lebenden Surrealisten, hatte noch niemals eine Ausstellung in Berlin – man fragt sich, wie das geschehen konnte. Dieses Versäumnis wird jetzt vom Kunstamt Tiergarten mit einer intimen, aber konzentrierten Übersicht seines Oeuvres nachgeholt, wenngleich es in einem dem Künstler kaum angemessenen Ort geschieht: im Haus am Lützowplatz. Für das wenig attraktive Ambiente entschädigt jedoch die Exklusivität der Auswahl. Friedrich Lambert, der Leiter des Kunstamtes, trug diese Delvaux-Kollektion (ungefähr sechzig Zeichnungen, Aquarelle, Lithographien) fast ausschließlich aus Privatbesitz zusammen, so daß ein großer Teil der Arbeiten vermutlich zum erstenmal öffentlich zu sehen ist Man verschmerzt, daß Hauptwerke wie "Die schlafende Venus" (in London) oder "Die Frau mit der Rose" (in New York), die Delvaux berühmt gemacht haben, nicht dabei sind. Er hat von Magritte und de Chirico unzweifelhaft wichtige Motive übernommen. Er kombinierte und entwickelte sie aber zu einer völlig neuen Bildwelt, in der ein Motiv dominiert: die Mädchen-Frau. Die weiblichen Akte oder Halbakte setzte Delvaux Zeit seines Lebens in Traumlandschaften, auf einsame Bahnhöfe, nach einigen Italienaufenthalten vornehmlich vor antike Architekturen, in denen sich, wie es im Katalog heißt "kunstvolle und eiskalte Perspektiven kreuzen". Diese Traumszenerien haben Delvaux das Etikett des Surrealisten eingebracht. Sie beweisen aber zugleich, daß Adorno recht hatte, als er die gängige Definition des Surrealismus als das traumhafte, spontane Auslösen von Bildern aus dem Unbewußten ablehnte: "So träumt man nicht, so träumt keiner", schrieb er. Die Arbeitsweise der Surrealisten ähnelt vielmehr, so könnte man sagen, dem bewußt konstruierten Traum. Für Delvaux jedenfalls trifft das zu; denn auch der Effekt den das Nebeneinander des Disparaten in den frühen Collagen von Max Ernst als surrealistischen Schock erzielte, ist ihm fremd. Diesen Widerspruch zwischen Traum und bewußter subjektiver Gestaltung unbewußter Phantasien, hat Delvaux freilich später immer stärker reduziert; sein Spätwerk, das in dieser Ausstellung dominiert, ist nicht einmal mehr Vorgabe einer unbewußten Traumarbeit, sondern eher bildgewordener, männlicher sexistischer Traum. Wo anfangs Mystik und auch Melancholie die Szenerien bestimmten, die surreale Stimmung und Atmosphäre bildeten, gewinnt ein süßlicher Kitsch die Oberhand. (Haus am Lützowplatz bis 8. Oktober, Katalog 8 Mark)

Daghild Bartels

Bochum: "Imagination"

Das Museum scheint die überwiegend surrealistischen "Hervorbringungen der Imagination" kaum fassen zu können: mehr als dreihundert Gemälde, Zeichnungen, Collagen, Objekte und Environments von rund siebzig Künstlern werden nicht nur in den eigentlichen Ausstellungsräumen, sondern auch noch im Treppenhaus dichtgedrängt präsentiert. Weniger wäre mehr gewesen: unter dem Titel "Imagination" werden schließlich nicht nur Arbeiten so unterschiedlicher Künstler wie Meret Oppenheim und Friedrich Schröder-Sonnenstern, Richard Oelze, Bernard Schultze, Horst Egon Kalinowski und Franz Radziwill zusammengefaßt, erheblich ist auch das Qualitätsgefälle der bunten Mischung. So sieht sich der Besucher nicht zuletzt mit einer Fülle mittelmäßiger Beispiele "bildnerischer Poesie" konfrontiert und kann nur selten etwas erfahren von der "magischen Fähigkeit des imaginativen Produkts, im Betrachter eine tiefe irrationale Erregung auszulösen". Zudem lenkt eine Geräuschkulisse ab: In den großen Ausstellungsräumen tönt’s wie im Gespensterfilm, berieseln "geheimnisvolle" Töne den Besucher, dem wenig Freiräume für die eigene Phantasie gelassen werden. Zum Ärgernis wird stellenweise auch der gut dreihundert Seiten starke Katalog, in dem einer der Organisatoren ins Thema Imagination unter anderem so einführt: "Unter Imagination verstehe ich jene eigenartige, dem bewußten Willen entzogene Funktion der Psyche, die der bewußten Apperzeption die impoderablen Inhalte der Strukturen des kollektiven Unbewußten zugänglich macht." Trotz solch unzugänglicher "Erklärungen" lohnt es, das Druckwerk nicht gleich wütend in die Ecke zu werfen; es enthält schließlich noch eine umfangreiche Zusammenstellung von Zitaten, Aussagen etwa von Breton, Novalis und Artaud, und erinnert auch an die Wandparolen vom Mai 1968. "Die Imagination an die Macht!" forderte man damals nicht nur in Paris und verstand darunter allerdings wohl anderes als die jetzt ausgestellten "Hervorbringungen der Imagination". (Museum Bochum bis 8. Oktober, Katalog 14 Mark.)

Raimund Hoghe

Hamburg: "Carl Otto Czeschka"