Hanna Johansens Roman "Die stehende Uhr" / Von Jürg Laederach

Die Augenblicke sind vertrat; Eile tut not, es ist höchste Eisenbahn, der Zug lauert abfahrtbereit im Bahnhof, In einem atemlosen Zusammennehmen sämtlicher Gesichts- und Nervensinne hastet der/die Reisende in einen Waggon. Er/Sie blickt um sieh: "Was habe ich vergessen?" und entdeckt: "Zu dumm, der kleine Koffer fehlt!" An diesem Punkt setzt, mit einer eigentlich unbezahlbaren Variante gewollter Vergeßlichkeit, Hanna Muschg mit Pseudonym und Roman ein: Nur, daß in dem Buch von –

Hanna Johansen: "Die stehende Uhr", Roman; Hanser Verlag, München, 1978; 170 S., 19,80 DM

zwar sämtliches Gepäck – und mehr – mitläuft, doch allem Anschein nach der Körper des/der (mithin etwas ungeschlechtlichen) Reisenden mysteriös abhanden gekommen ist. Höchstens spricht dieser helle Verstand, der sich emsig querlegt zum Weg, den sein vermuteter Körper zurücklegt, einmal von seinen Füßen oder Knien. Doch man merkt: schon ein Mund, mit dem es etwa an einer Zigarette ziehen könnte, ist diesem fahrenden Bewußtsein nicht mitgegeben. Wenn die Dinge gleich am Anfang einer Reise so stehen, wird es niemanden wundern, daß in diesem so kleidsamen wie infernalischen Bericht, der – in der vierten Dimension – dann doch Sven-Hedin-artige Spannung erzeugt, die Zeit stillsteht.

Johanns Uhren gehen anders. Ein Narr, wer bei diesem Ritt unter dem Bodensee, bei diesem Fahren zu Godot, das alte gleichmäßige Ticken des lieben literarischen Weckers voraussetzte, der bei jeder Pointe mal eben kurz schrillt, um den Leser gleich wieder in die Ruhe des déjà-lu zu entlassen: Da schlägt’s dreizehn, und gleich auch noch vierzehn, und aus dem doppelten Boden zaubern sich Tauben und Hasen mit dem bösen Blick.

Die Geschichte dieser Reise ist konsequent mit doppelter Tinte geschrieben. Da ist eigentlich nichts, das Schrecken erzeugte, wenn man in angstfreier Großzügigkeit darüber hinwegsieht, daß die Geschehnisse, die sich hier "vor oder hinter Hannover" abspielen, rätselhaft und Unterhaltend auf ein (vorenthaltenes) Ende zuführen. In erster Lesart ist dies ein Reiseroman, der seinen in der Eisenbahn sitzenden Menschen etwa mit einer Dame mit blitzenden Knöpfen, mit friedlich überschwemmten Wiesen, mit einem Höhlenmenschen mit weißlicher Haut, der sich für Chlorophyll-Synthese interessiert, mit einem – vielleicht eine ganze Stadt enthaltenden – Schuhkarton oder mit einem Lokführer konfrontiert, der plötzlich den Zug anhält, seine Stoppuhr einstellt, sich aus der Lokomotive wirft und einem Hasen über die Wiesen nachsetzt. Dann, gleichem selbstverständlich, zerfallen Textilien in der Nähe jener Flüsse, die der Verstand nicht leistet, ein Mietshaus sieht vor dem Zugfenster, allerdings nur in fünf Zentimeter Entfernung, vorüber.

Wirklich nichts, worüber sich anspruchsvoller Reisender aufregen müßte. Das liest sich, blauäugig wie nur irgendein Kursbuch. aufs Ende zu, an dem dann wohl ein Aussteigen aus dem Zug geplant ist. Falsch. Selbstverständlich bleibt man drin, und an diesem Punkt dürfte die zweite Lesart anfangen, die dann endlich zur Reverenz vor der wahrlichen Reise führt.