Die Nacht, in der Kroetz berühmt, wurde: Es war, im April 1971; an den Münchner Kammerspielen wurden die Einakter "Hartnäckig" und "Heimarbeit" uraufgeführt, unter beinahe skandalösen Umständen. Vor dem Theater demonstrierten Rechtsradikale lautstark gegen "Pornographie" auf der Bühne, im Theater drinnen warfen sie Stinkbomben. Eine große Kunstleistung der Schauspieler Walter Schmidinger und Ruth Drexel brachte Kroetz am Ende den Triumph über allen Lärm. Der Autor, damals noch ganz unbekannt, erkletterte zum Schlußapplaus die Bühne und sah etwas merkwürdig dabei, aus: ein. blonder, hübscher, derber Mensch, sehr sorglos gekleidet – wie einer vom Lande, wie ein Knecht wirkte er neben den Kammerspielkünstlern.

September 1978, wieder eine Kroetz-Uraufführung, diesmal in Düsseldorf, das Stück heißt "Mensch Meier". (Eine Uraufführung war es wohl, auch wenn der Text vorher schon in Brasilien, ohne daß Kroetz es wußte, inszeniert worden ist.) Kein Krawall mehr um Kroetz: eine spannende, oft virtuose Inszenierung errang einen völlig unbedrohten, jubelnden Publikumserfolg. Auch diesmal kletterte Kroetz auf die Bühne, und wieder sah er etwas merkwürdig dabei aus: Er hatte sich nämlich zur Premiere noch feiner gemacht als das bestimmt nicht wenig feine Düsseldorfer Publikum.

Nein, es kommt jetzt nicht die alte Geschichte von den Zeiten, die sich ändern, und von den Rebellen, die auf einmal Bürger werden. Wer genau hinschaute, konnte sehen, daß der feingewordene Kroetz sich gar nicht so fein bewegte, eher schwerfällig, einem Knecht noch immer ähnlicher als einem Gutsherrn. Und er schaute auch gar nicht blasiert oder stolz ins jubelnde Publikum, sondern heiter und gutmütig. Man hat in den letzten Jahren viel über die Anfechtungen des Franz Xaver Kroetz geredet, und er selber am allermeisten – über seine angebliche Gefährdung, erst durch den plötzlichen Erfolg, dann durch den Umgang mit der Schickeria, dann durch den ideologischen Druck aus seiner Partei, der kommunistischen, und alles das hat auch gestimmt; Doch wenn man jetzt sein neues Stück liest, ihn nachher selber sieht, merkt man erleichtert, daß Kroetz zwar kaum einer Verführung nicht nachgegeben hat, aber dabei offensichtlich keinerlei Versehrungen davongetragen hat. Kein schwaches, mißbrauchtes Genie, sondern eine starke Person und ein starker Schriftsteller: Kroetz ist derselbe geblieben.

Oder anders gesagt: Kroetz ist sich selber, seinem Anfang, mit dem neuen Stück wieder nähergekommen. Zwar ist "Mensch Meier" eine Art Fortsetzung früherer Ehe-Stücke ("Oberösterreich", "Das Nest"), doch am tiefsten ist die Verwandtschaft zum ersten großen Kroetz-Erfolg, zu "Heimarbeit". Damals ein Ehepaar, Willy und Martha, diesmal ein Ehepaar, Otto und Martha, alle um die vierzig. In "Heimarbeit" sagt Martha: "Ich geh weg von dir, Willy, weil ich dich verlasse." In "Mensch Meier" sagt Martha: "Ich geh weg von dir, Otto, weil ich dich verlaß." Das ist mehr als ein Zufall: Beide Stücke handeln vom Alleinsein allein und vom Alleinsein zu zweit, vom Elend der Liebe und vom Kummer des Verlassenwerdens. In beiden Ehe-Stücken wird die Wut der Eheleute aufeinander (und ihre Not miteinander) den Kindern heimgezahlt. In beiden Stücken mündet die Misere in einen sinnlosen Gewaltakt: Willy bringt ein Kind um, Otto zerschlägt die ganze Wohnung. Beide Stücke erzählen von sexueller Not, beide führen den sogenannten Geschlechtsverkehr als eine eigentlich trostlose, weil sprachlose Angelegenheit vor. Martha, bei der Liebe: "An was denkst denn?" Otto: "Nix."

Otto denkt aber schon was. Er hat Phantasie, hat seltsame Träume. Doch wenn er davon erzählen will, hört niemand ihm zu. Martha denkt auch was, stellt sogar tiefe, philosophische Fragen: "Was ist Glück?" Doch niemand versucht darauf eine Antwort. Sie möchten ein wichtiges Leben führen und werden dauernd von Unwichtigem abgelenkt. Beim Beischlaf denkt Otto plötzlich an seinen teuren, leider verlorengegangenen Kugelschreiber – sowas bringt die beiden von der Liebe ab. Einmal fällt Otto abends eine (zu hohe?) Wirtshausrechnung ein, was die beiden Eheleute zu einer langen, quälenden Nachforschung veranlaßt, ob man nun vom Kellner beschissen worden ist oder nicht – so bringen sie einander, redend, vom Reden ab.

Keine großen Probleme, eher kindische – kindisch wie der Ehrgeiz, der Sohn Ludwig (15) müsse "etwas Besseres" werden, keinesfalls Arbeiter, keinesfalls Maurer, wozu Ludwig vielleicht Lust hätte. Also sitzt der Sohn, vom Ehrgeiz der Eltern mißhandelt, untätig zu Hause herum, schämt sich, weil er keine Lehrstelle hat, und die Eltern schämen sich noch mehr. Otto verdient gut, aber er schämt sich, ein Arbeiter zu sein. Er schämt sich sogar, wenn er mit Martha im Bett ist. Immer hat er Angst vor der Blamage, vor Leuten, die "besser" sind als er, kultivierter. "Wie macht er es? So wie ich, oder raffiniert?", fragt Otto ängstlich, als ihm Martha nach der Trennung vorlügt, sie hätte einen Liebhaber.

Vom Selbsthaß, von der Lebensangst, der lebenslangen Beschämung "kleiner Leute" hat Rolf Stahls Düsseldorfer Inszenierung wenig erzählt. Ruth Drexel und Hans Brenner sind Kroetz-Spezialisten, und das itsincht nur ein Vorteil. In der ersten Stunde der Aufführung sprechen sie Kroetz’ Texte wie geübte Kroetz-Leser – als seien das Zitate, keine neuzuerfindenden Sätze. Sie chargieren nicht, dazu sind sie viel zu gut – doch ihr Bemühen, die Qualitäten des Dialoges auffällig zu machen, ihr Unwillen, unscheinbar zu sein, ihre sehr arrivierten Schauspielermittel sind doch ein Widerspruch zur Alltäglichkeit der Leute, die sie spielen. Wenn die glückliche Familie zerbricht, wenn Brenner die Wohnung zerschlägt (tobend und sich vor der eigenen Tobsucht fürchtend), wenn die Drexel ihre Mami-Nettigkeit aufgeben darf, stumm und nachdenklich und trotzig wird, hat die Aufführung ihre besten Momente.