Von Carl-Christian Kaiser

Wiesbaden, im September

Ich habe", sagt Alfred Dregger, "für fast alles Verständnis." Zur Illustration zieht er ein Beispiel heran, das dem gelernten Juristen naheliegt: Wäre er Richter geworden, dann wahrscheinlich kein guter, weil zu milder. Er gebraucht dieses Bespiel gern, offenbar ohne zu spüren, wieviel es von ihm preisgibt. Alfred Dregger nimmt Liberalität für sich in Anspruch, sogar in ihrer permissiven Spielart – als Mann, der fast alles versteht. Aber er schränkt sie, im gleichen Atemzug, wieder ein – ein zu milder Richter wäre kein guter Richter.

Da fällt es schwer, sich gleich auszukennen, zumal in Wahlkampfzeiten, in denen so vieles changiert. Zwar hat Alfred Dregger, der Starke, immer kurzum Entschlossene, im Laufe eines Jahrzehnts beinahe die Hälfte aller hessischen Stimmbürger hinter sich gebracht. Aber zum Triumph fehlt ihm noch die entscheidende Spitze, die über die alte Marge hinausreicht. Dazu können ihm, so kalkuliert er, nur Liberale verhelfen, aus den Reihen der SPD und besonders der FDP. Deshalb tritt Alfred der Eisenfresser in den Wahlkampfarenen kaum auf. Statt dessen erscheint eben jener Mann, der fast alles versteht, der, wie er dem Publikum versichert, nichts Grundsätzliches gegen Sozialdemokraten und Freie Demokraten hat, sondern ihnen nur wünscht, daß sie sich, in langen Regierungsjahrzehnten verschlissen, fortan in der Opposition regenerieren können. Durch das Land zieht eher Alfred der Milde.

Verständnis beweist er sogar beim Reizthema Nummer eins, beim Thema Gesamtschulen. Er hält persönlich von dieser Schulform nichts, so wenig wie von der sozial-liberalen Bildungspolitik überhaupt, die für ihn, Stichwort Numerus clausus, nur auf eine "sozialistische Planwirtschaft mit Lebenschancen" hinausläuft oder darauf, daß "bei uns jeder studieren kann, bis er arbeitslos wird". Nicht zu reden von den Bildungsinhalten, die er noch vor zwei Jahren, im Bundestagswahlkampf, mit dem Verdikt bedachte, daß die SPD "die Umwandlung unseres Schulwesens in ein System des roten Gesinnungszwanges" betreibe.

Doch davon spricht er nur noch andeutungsweise. Im Vordergrund steht nun ein Alfred Dregger, der das Gesamtschulsystem zwar nicht zur ausschließlichen Norm erheben, wohl aber dessen bisherige Einrichtungen erhalten, konsolidieren und sogar fortentwickeln will. Zwar wettert er, bei dieser Stelle stets stürmischen Beifalls sicher, dagegen, daß "die Kinder durch die ganze Welt kariolt werden". Doch gleich fügt er hinzu, daß die Eltern entscheiden müßten: "Ich kann mich ja irren."

Gewinnt auch hier der Dregger Gestalt, der selbstverständlich nicht nur demokratische Mehrheitsentscheidungen respektiert, sondern der auch für fast alles Verständnis hat, sogar wenn es ihm gegen den Strich geht? Jeglicher Zugang zu Alfred Dregger ist zunächst durch die überdimensionalen, geradezu riesenhaften Ausrufezeichen verstellt, mit der Anhänger wie Gegner, Freunde wie Feinde seine Person umgeben haben. Konservative reißt er zu peinlichen Lobeshymnen hin. "Er ist sauber und nicht bloß gewaschen", notierte Rolf R. Bigler nach einem Tischgespräch mit Dregger. Und dieser Saubermann "schlägt eine knallharte Direkte mit seiner Rechten, wie man weiß, er donnert sie den Linken mitten ins abendländische Gewissen". Umgekehrt urteilte die sozialdemokratische Parteigazette Vorwärts, "vielleicht läßt sich sagen, daß der Aufstieg Dreggers aus der hintersten Provinz in die heutige erste Führungsgarnitur der Unionsparteien ein Beweis für den Verlust an demokratischer Substanz innerhalb dieser Partei ist".