Cremetöpfchen und Fettnäpfchen – über kosmetische Artikel und ihre Wirkung

Von Esther Knorr-Anders

Unsere Haut gleicht einer Datenverarbeitungszentrale ohne Geheimhaltungsverpflichtung. Zu allen Tageszeiten gibt sie unsere Neigungen, Süchte, Laster preis. Ob wir Raucher, Trinker, Vielesser, Erotiker oder Sportler, Stubensitzer, Asketen sind – der Fachmann liest die Daten des Organs "Haut" im Klartext. Unbarmherzig wird das Schrumpfen der Zellen (durch Wasserverlust) überanstrengter Haut angezeigt. Von Geschmeidigkeit und Spannkraft kann, nach einer originellen Nacht, keine Rede sein. Die funktionsschwache Haut will nur noch eins: revitalisiert werden. Dazu braucht sie Sauerstoff, einen in Ruhe gelassenen, möglichst leeren Magen und: Feuchtigkeitscreme.

Feuchtigkeitscremes enthalten unter anderem Vitamin A (aus Fischleberölen), Vitamin E (aus den Embryonen der Weizenkörner), Vitamin F (aus Pflanzenfetten). Die Vitamine dienen zur Behebung von Schwächezuständen des Bindegewebes, Erschlaffung und Faltenbildung der Haut.

Aufbaucremes und Regenerativcremes enthalten Steroide, das sind Gallensäuren, Nebennierenhormone, Keimdrüsenhormone oder Placenta-Extrakte. Hormone sind es, welche die Haut "mit dem Schleier unvergänglicher Schönheit" auszustatten in der Lage sein sollen. Diese Cremes werden vom mittleren Lebensalter an benutzt, und zwar zunächst im Wechsel mit der gewohnten Creme.

"Mit dem Schleier unvergänglicher Schönheit" In der griechischen Mythologie breitet Aphrodite ihr Hüfttuch über das Gesicht Sterblicher und verschönt es. Sicherlich ist es nicht falsch, die Mythe so zu interpretieren, daß die körpereigene Facharbeitergruppe "Bau, Steine, Erden" Sexualhormone ins Blut steuert, die bewirken, uns rosig alterslos aussehen zu lassen. Erst wenn diese Facharbeiter die Produktion endgültig einstellen, beginnt der Alterungsprozeß der Haut. Ab diesem Zeitpunkt sorgt, gefälligerweise, Hormoncreme für Fristverlängerung.

"Und so was soll auf den Packungen stehen? Gallensäure? Steroide?" Die mir das entgegenschmettert ist Frau P., Inhaberin einer kleinen, doch gut besuchen Parfümerie. Sie führt mich zu einer Sitzecke. Frau P. und ich sind nur unvollkommen vom Publikum abgeschirmt. Sie spricht nicht gerade leise. Noch einmal versuche ich zu erklären, daß ich detaillierte Angaben über die Zusammensetzung kosmetischer Artikel und ihre Wirkungsweise für notwendig erachte. Sie nickt beschwichtigend.