Je mehr sich die skeptischen Börsenprognosen häufen, desto stärker wird der Wunsch nach Sicherheit vor möglichen Kursverlusten. Einige professionelle Anleger halten es für an der Zeit, am Aktienmarkt eine "defensive" Politik zu betreiben, also möglichst solche Aktien zu kaufen, die sich einer Kursabwärtsbewegung weitgehend entziehen werden. Wegen der bei ihnen erzielbaren hohen Rendite gelten beispielsweise Aktien der Stromversorger als wenig anfällig.

Es ist heute nicht leicht, Aktiensparer für Versorgungsaktien zu begeistern. An dem Kursaufschwung der deutschen Börse haben sie in den letzten Monaten kaum noch teilgenommen. Tatsächlich hinken ihre Kurse hinter der allgemeinen Aufwärtsentwicklung her.

Dafür gibt es eine einfache Erklärung. Versorgungsaktien sind inzwischen zu reinen Renditepapieren geworden. Stromerzeugung ist in den Augen der Börsianer nicht mehr unbedingt eine Wachstumsbranche. Kurse aber, die sich auf Rendite stützen, reagieren auf jede Zinsbewegung, Solange die Zinsen rückläufig waren, mußten die Kurse der Versorgungsaktien zwangsläufig steigen. Sie galten als Alternative zur Rentenanlage und boten lange Zeit eine höhere Rendite, als bei den festverzinslichen Papieren zu erzielen war. Dies war eine unmittelbare Folge der Körperschaftsteuer-Reform. Sie hat den Kursen der Versorgungsaktien im vergangenen Jahr zu einem kräftigen Schub nach oben verhelfen.

Als aber Anfang April dieses Jahres die Zinsen am Kapitalmarkt wieder zu steigen begannen, bekamen die Versorgungsaktien dies sofort zu spüren. Bei ihnen gaben die Kurse nach, so daß die Renditedifferenz zu Anleihen in etwa gleich blieb. Stimmungsmäßig wirkte sich negativ aus, daß in diesem Sommer von den zehn deutschen Kernkraftwerken vorübergehend nur zwei auf Vollast gefahren werden konnten. Die anderen waren planmäßig oder wegen Störungen abgeschaltet. Da aber der Atomstrom immer noch der billigste ist, mußte sich dies auf die Rentabilität der Unternehmen nachteilig auswirken.

Seit kurzer Zeit schieben sich auch die Versorgungsaktien wieder leicht nach oben, wiederum eine Folge der Zinsentwicklung. Der Rentenmarkt hat sich seit Anfang August stabilisiert, das Zinsniveau etwas ermäßigt. Mit der inzwischen eingetretenen Konjunkturbelebung steigt, auch der Stromverbrauch. Überdies hat die Inbetriebnahme des Kernkraftwerkes Unterweser der Nordwestdeutschen Kraftwerke AG, Hamburg, die Stimmung insofern gehoben, weil nun endlich der Beweis erbracht worden ist, daß sich Gerichte nach sorgsamer Prüfung aller Fakten auch einmal für Kernenergie entscheiden können.

Nach einer Daumenrechnung kann man davon ausgehen, daß die Stromerzeugungskosten in deutschen Kernkraftwerken bei höchstens 4,5 Pfennig je Kilowattstunde liegen, rund 6,5 Pfennig kostet die Kilowattstunde in Kraftwerken an der Küste, wenn sie preiswerte Importkohle verfeuern; subventionierte Kohlekraftwerke brauchen knapp sieben Pfennig je Kilowattstunde, An diesen Zahlen können Sie erkennen, meine verehrten Leser, wo die wirtschaftlichen Vorteile der Kernenergie liegen.

Deshalb ist ein Kriterium bei der Auswahl der Versorgungsaktien der Anteil von Atomstrom an der Gesamtstromerzeugung, auch wenn die Abschaltung von Kernkraftwerken aus Sicherheitsgründen häufiger vorkommt als bei konventionellen Stromerzeugungsanlagen. Kriterium Nr. zwei ist der Stromersatz. Denn nur über Absatzwachstum lassen sich nachhaltig die ständig steigenden Kosten ausgleichen. Kriterium Nr. drei – und zugleich das zur Zeit wichtigste – ist die Dividende (und daraus folgend die Rendite des eingesetzten Sparkapitals). Da inzwischen alle deutschen Stromerzeuger und -versorger nach dem neuen Körperschaftsteuergesetz ausgeschüttet haben, ist das Rätselraten um die Dividenden auf diesem Sektor vorüber. Die Aktionäre können damit rechnen, daß die zuletzt gezahlten Ausschüttungen für das laufende Geschäftsjahr beibehalten werden und das RWE, dessen Geschäftsjahr am 30. Juni 1978 beendet war, wieder acht Mark in bar zahlen wird.