Die 61. Station nach Peking ist der Kölner Hauptbahnhof

Von Petra Klingbeil

Auf der Frontseite der Diesellok prangt ein knallgelbes Abbild des verstorbenen Ministerpräsidenten Tschou En-lai. In der Hand hält er eine rubinrote Fahne. Abfahrbereit steht der Zug auf dem Pekinger Hauptbahnhof. Vor uns liegen 10 000 Kilometer Bahnfahrt: Peking-Köln.

Überall in der weitläufigen Halle und auf den Bahnsteigen dichte Menschentrauben, die Frauen mit Pagenfrisuren oder langen Zöpfen, die Männer mit grünen oder blauen Mützen. Wattierte Jacken, lange Hosen und schwarze Halbschuhe aus Kunstleder tragen sie alle. Ihr Gepäck besteht aus Körben, Taschen und verschnürten Leinensäcken, Koffer sind ein seltener Luxus.

Die "Tschou-En-lai-Lok" bringt uns mit steten sechzig bis siebzig Stundenkilometern bis zur chinesisch-mongolischen Grenze. Während draußen Felder und Dörfer vorüberziehen, machen wir es uns drinnen gemütlich: in jedem Abteil vier Betten mit Wolldecken, Kissen und Leselampen, dazu die allgegenwärtige Heißwasser-Thermoskanne und vier Porzellanbecher. Wir tauschen unsere Stiefel gegen die bereitgestellten Plastiksandalen und schlürfen Jasminblütentee.

Das Gelände wird gebirgig, der Zug verfällt in Schneckentempo: Wir nähern uns der Chinesischen Mauer. Sie zieht sich 120 Kilometer nördlich von Peking über die Hügelketten. Ein Teil des Mammutbauwerks ist vollständig wiederaufgebaut worden, und dort strömen die Besucher hin – von Bundeskanzler Schmidt über Franz Josef Strauß bis zum chinesischen Rotarmisten aus der Provinz.

Zwölf Stunden nach unserer Abfahrt aus Peking sind wir an der Grenze. Die Sorge, daß die Mongolen die Filme in den Kameras konfiszieren würden, weil in der Mongolei Photographieren und Filmen verboten ist, erweist sich als grundlos. Die verwegen aussehenden mongolischen Zollbeamten, die man an ihren grünen Mützen mit rosa Band erkennt, schauen sich zwar unsere Pässe und Visa an, interessieren sich aber kaum für unser Gepäck. Die Chinar-Lok wird abgekoppelt und durch eine grüne mongolische Zugmaschine ersetzt, geschmückt mit dem nationalen Wappen: ein galoppierender Reiter in einem Blätterkranz.