Die Berliner waren wieder einmal schneller. Am vergangenen Wochenende brachte die erste linke Tageszeitung ihre Vorausnummer heraus, zum Anschauen und Abonnieren. Finden sich genug Abonnenten, gehen im Oktober 15 000 Bestellungen zum Preis von 15,50 Mark im Monat ein, dann soll die Zeitung im Februar mit einer Auflage von 20 000 Exemplaren gestartet werden, unabhängig von großen Anzeigenkunden und "bürgerlichen Monopoldruckereien". Die Neue heißt das Blatt und erscheint im Verlag des Berliner EXTRA-Dienst, der zweimal wöchentlich 7000 Exemplare seines linken Informationsblattes verkauft.

Mitte dieser Woche erschien das zweite Projekt dieser Art, Redaktion in Frankfurt, Druckerei in Würzburg, Vertrieb im linken Buchhandel: Die Tageszeitung, auch erst mal mit Null-Nummer, geplant mit einer Auflage von 25 000. Die Reihenfolge der Null-Nummern soll sich allmählich verdichten, bis so viele Leser gewonnen sind, wie für tägliches Erscheinen gebraucht werden. Mit dieser Alternativzeitung sollen "nicht nur linksradikale Leser" angesprochen werden.

Die Zielsetzung beider Blätter ist die gleiche: Angesichts des "versteinerten Medienwalds" der bürgerlichen Presse soll ein linkes Gegengewicht geschaffen werden, eine "Gegen-Bild-Zeitung". Daß daraus gleich zwei Gegengewichte geworden sind, hängt mit der Zersplitterung der linken Gruppierungen, den Egoismen und der mangelnden Fähigkeit zum Kompromiß zusammen. Trotz der gemeinsamen Ausgangssituation sind beide Blätter äußerlich und auch inhaltlich recht verschieden.

Die Neue ist professioneller gemacht, es besteht eine feste Redaktion, eine eigene Druckerei, man hat Erfahrung mit Vertrieb und Geschäftsführung. Die Mitarbeiter sind im wesentlichen die Redakteure des EXTRA-Dienst. In der Null-Nummer haben aber auch Heinrich Böll, Otto Köhler und der Kabarettist Dieter Hildebrandt geschrieben. Das Format wirkt aus technischen Gründen – preiswerter Bogenoffsetdruck – ungewöhnlich unhandlich, lang und schmal, 33 x 70 Zentimeter, zweimal aufzuklappen, bis man anderthalb Quadratmeter Zeitung vor der Nase hat.

Die Tageszeitung dagegen erscheint im handlichen Berliner Format mit 16 Seiten, und ist damit äußerlich den gewohnten Zeitungen ähnlicher. Obwohl zu den Zeitungsmachern zwölf Initiativgruppen aus der ganzen Bundesrepublik zählen und "kein Prominentenprojekt" geboren werden soll, gehören zu den Initiatoren die Rechtsanwälte Ströbele und Schily, Daniel Cohn-Bendit, Günter Wallraff, Rudi Dutschke und allerhand Intellektuelle, die Interesse an einem solchen Projekt bekundet haben. Das geistige Spektrum der Tageszeitung ist breiter, weil undogmatischer als bei den EXTRA-Dienst-Leuten.

Beides zusammen: die Erfahrung der Neue-Macher und die Munterkeit der Tageszeitung-Schreiber, das hätte ein erfolgreiches Vorhaben sein können. Ob sich beide Zeitungen bei dem offensichtlich begrenzten Markt in Konkurrenz zueinander halten werden, das ist sehr fraglich.

Dem Anspruch einer Gegen-Bild-Zeitung wird Die Neue noch am ehesten gerecht: Die Nachrichtenauswahl ist ebenso einseitig, der Ton nicht weniger polemisch, die Überschriften reißerisch: "Schering-Arbeiter beunruhigt, daß Männern Brüste wachsen." Und darunter: "Unruhe herrscht unter den Arbeitern des Chemie-Konzerns Schering, nachdem durch die Duogynon-Affäre deutlich wurde, daß Hormonpräparate unerwünschte Nebenwirkungen haben können. Es ist vielen Schering-Arbeitern ,unheimlich‘, daß etliche von ihnen hin und wieder eine dicke Brust bekommen. Solche Brustschwellungen sind typische Nebenwirkungen der weiblichen Sexualhormone, die bei Schering auch für Duogynon verarbeitet werden. Als jetzt ein Schering-Arbeiter einen Blutsturz erlitt, wie er auch nach Anwendungen von Östrogenen als Arzneimittel beobachtet werden kann, wuchs die Beunruhigung der Arbeiter. Über die Gefahren ihres Arbeitsplatzes", behauptet Die Neue "wurden sie bislang nicht hinreichend aufgeklärt." Der Umbruch ist ein bißchen wirr. Auf der Titelseite Geschichten über Südafrika, über Bonner Geheimdienste, die Steuerdebatte im Bundestag und ein Gespräch mit der PLO. Im Innern Kommentare vom Juso-Vorsitzenden Gerhard Schröder und der FDP-Abgeordneten Helga Schuchardt, eine Forumseite für Bürgerinitiativen, Grüne Listen und Frauengruppen, Dokumentarisches über amerikanische Atompläne und Firmenengagements in Südafrika. Wenig Informatives, noch weniger Aufregendes, überhaupt nichts Brillantes. Gerade zu einer linken Zeitung hätte eine Feder wie Tucholsky gehört, oder wenigstens etwas in der Richtung. Nicht einmal Hildebrandt hat den richtigen Biß.