London duldete den Bruch des offiziellen Boykotts

Von Karl-Heinz Wocker

London, im September

Die Kriegsschiffe, auf denen er sich mit dem Chef des Rebellenregimes traf, trugen beruhigende Namen wie "Fearless" (der Furchtlose) und "Tiger". Harold Wilsons Landsleute sahen zwar nicht so recht ein, wieso Jan Smiths Tabakpflanzerregime von 200 000 Weißen sich gegen fünf Millionen schwarze Rhodesier und 55 Millionen Briten durchzusetzen vermochte. Aber die Londoner Politik stellte das so dar, als sei das Ende der Unbotmäßigkeit von Salisbury eine Sache "von Wochen eher als von Monaten" (Wilson), Als der Labourpremier 1970 abtrat, bereitete sich Ian Smith auf den fünften Jahrestag seiner Trotzgebärde vor, und die Konservativen unter Edward Heath taten nichts, den Rebellen zur Aufgabe zu zwingen. Als sie 1974 einer neuen Wilson-Regierung weichen mußten, war und blieb alles beim alten. Nach außen hin existierte Rhodesien für keinen britischen Minister oder Manager. Insgeheim aber, so hat sich nun herausgestellt, floß selbst das kostbarste Gut, das die Kronrebellen benötigten, direkt von der ehemaligen Mutterinsel auf dem See- und Landweg in den neuen Staat: Öl.

Für den Mann auf der Straße ist der Bingham-Bericht, der auf 500 Seiten die triste Bilanz der Möchtegernpolitik eines Ex-Weltreiches zieht, eine große Überraschung. Er mag nicht daran geglaubt haben, daß es möglich sei, die rhodesischen Rebellen in "Wochen oder Monaten" zur Räson zu bringen. Aber er hat doch darauf vertraut, die eigene Regierung werde alles mögliche versuchen, damit kein Geld, keine Waffen, keine Rohstoffe nach Salisbury gelangen. Wimbledon-Spieler, so las er in der Zeitung, mußten ihre Staatsbürgerschaft ändern, wenn sie Tennisprämien ins heimatliche Rhodesien transferieren wollten. Exportfirmen bekamen keine Devisengarantien; Journalisten wurden argwöhnisch beäugt, wenn sie mit Rhodesien ins Geschäft kommen wollten, Zur gleichen Zeit aber schifften. Shell und BP Erdöl auf dem Umweg über Südafrika nach Rhodesien. Bei den britischen Ablegern von Shell und BP hält die Londoner Regierung über 50 Prozent der Aktien. Mit der linken Hand unterband also Downing Street die Öltransporte nach Rhodesien, während es sie mit der rechten Hand billigte.

Anfangs, so bescheinigen die Kronanwälte Bingham und Gray den Polikern, sei der Regierung nicht ganz klar gewesen, was da vor sich ging. Das Öl wurde legal nach Südafrika geliefert, erst dort nahmen es Mittelsmänner der Smith-Regierung in Empfang. Später sei dieser Tatbestand jedoch den maßgebenden Stellen zu Ohren gekommen, also dem Premierminister, dem Kabinettssekretariat und den Ministern für Auswärtiges, Finanzen und Commonwealth-Angelegenheiten. Nimmt man Ressortchefs, Staatssekretäre und beamtete Behördenleiter zusammen, so hat auf der politischen Seite vermutlich ein Kreis von mindestens 10 bis 15 Personen mit absoluter Sicherheit gewußt, daß die Boykottparolen bloße Augenwischerei waren. Wie groß dagegen die Schar der Mitwisser bei Shell und BP in Großbritannien und in Südafrika war, entzieht sich jeder Schätzung.

Ein raffiniertes Verschleierungsspiel sorgte nach einigen Jahren, als die Shell- und BP-Leute dem eigenen Glück zu mißtrauen begannen, für weitere Verwischung der Spuren. Eingeschaltet wurde nun die Firma Total, so daß ein schwer zu beweisendes Dreiecksgeschäft mit unverändert gleichem Lieferanten und dem alten Empfänger entstand. Erst im Jahre 1974 sollen lautstarke britische Smith-Gegner den Ölfluß unterbunden haben.