Im Schneideraum wird mehr verlangt als Handlangerarbeit

Von Hans C. Blumenberg

Seine "schöne Sorge" nannte einmal der französische Filmemacher Jean-Luc Godard den Schnitt: "Wenn Inszenieren ein Blick ist, dann ist Schneiden ein Herzschlag." Etwas weniger lyrisch heißt das: Nicht beim Drehen, sondern erst bei der Arbeit am Schneidetisch entsteht die Gestalt eines Films, sein spezifischer Rhythmus und seine spezifische Atmosphäre; erst durch die Organisation vieler kleiner Teile – Bilder und Töne –, durch die sinngebenden Manipulationen von filmischem Raum und filmischer Zeit wächst eine Einheit. Nur selten freilich besorgt der Regisseur selber den Schnitt (wie Rainer Werner Fassbinder gelegentlich unter dem Pseudonym Franz Walsch), sondern er vertraut sich und seine Arbeit dem Cutter oder der Cutterin an: ein Beruf, der beim Film und beim Fernsehen mindestens so wichtig ist wie der des Kameramannes.

"Künstlerisches Empfinden und ein Gedächtnis für optische Eindrücke" nennen die von der Bundesanstalt für Arbeit herausgegebenen "Blätter zur Berufskunde" als notwendige Voraussetzungen für den Cutter, der hierzulande gewöhnlich eine Cutterin ist. Anders als etwa in Frankreich, England oder den USA arbeiten in der Bundesrepublik überwiegend Damen in den Schneideräumen. Den 62 Cutterinnen und 48 Assistentinnen beim WDR in Köln stehen beispielsweise nur vier männliche Cutter gegenüber. Bei den meisten anderen Fernsehanstalten sind die Zahlenverhältnisse ähnlich.

Viel Hektik – viel Routine

Ein Frauenberuf also? "Schneiden verlangt Sensibilität, Musikalität, Rhythmusgefühl, Einfühlungsvermögen und sehr viel Geduld; und schließlich ist es eine interpretierende Arbeit. All diese Eigenschaften passen viel eher in die Frauenrolle als in die Männerrolle", bemerkt nicht ohne Ironie die Cutterin Ursula Höf in einem ihrem Beruf gewidmeten Heft der Zeitschrift "Frauen und Film" (Nr. 9, Oktober 1976, erschienen im Rotbuch-Verlag, Berlin 30, Potsdamer Straße 98). Und zugleich stellt sie fest, daß der Beruf durch diese seltsame Fixierung einen gewissen Prestigeverlust erfahren habe. Dabei ist die Cutterin erheblich mehr als eine Handlangerin ("Klebepresse" im Jargon); und auch die Fernsehanstalten würden es gern sehen, wenn sich mehr junge Männer für diesen Beruf interessieren würden. So beklagt Margot Löhlein, die Chef-Cutterin des WDR (eine ihrer bekanntesten Arbeiten ist Helma Sanders’ Kleist-Film "Heinrich"), daß unter den dreißig Bewerbern für die sechs bis acht vom Kölner Sender angebotenen Ausbildungsplätze kein einziger männlicher Interessent zu finden ist.

Ein Modejob für höhere Töchter, die auf diese Weise "mal zum Film" wollen und den Duft der großen, weiten Medienwelt suchen, erwartet den Anfänger jedenfalls nicht. Denn mit hehrer Kunst kommt man in den Schneideräumen kaum je in Berührung, eher mit den hastig und oft konzeptlos gedrehten Produkten des Fernsehalltags(zumal mit Magazinbeiträgen), die die Cutterin dann auf wundersame Weise zu einem filmischen Glanzstück gestalten soll: "Mach mal, Mädchen, neun Minuten Länge, hier ist mein Text, übermorgen sehen wir uns wieder." Wenn sich ein "Realisator" (neudeutsch für Regisseur) mit diesen Sätzen verabschiedet hat, kommt es für die Cutterin weniger auf künstlerisches Fingerspitzengefühl als auf Geduld (mit schlechtem Material) und Schnelligkeit an.