Der alte Streit darüber, ob Familien mit Kindern durch Steuerfreibeträge oder durch die Zahlung von Kindergeld am besten geholfen werden könne, feiert in diesen Tagen fröhliche Urständ. Während die Union einhellig, dafür plädiert, die Freibeträge zur steuerlichen Entlastung der Kinderreichen wieder einzuführen, läßt sich kaum ein Sprecher der Koalition die Gelegenheit entgehen, diesen Vorschlag als reaktionär zu brandmarken. Der Stein des Anstoßes: Wer viel verdient und daher von der Steuerprogression hart angepackt wird, spart bei jedem Hundertmarkschein, den der Fiskus bei der Berechnung des steuerpflichtigen Einkommens mit Rücksicht auf die Kinder unberücksichtigt läßt, erheblich mehr (bis zu 56 Mark) als ein Kleinverdiener, der nur 22 Prozent Steuern zahlt.

Das hört sich wirklich so reaktionär an, daß es einen gruseln könnte – wenn nicht der Vergleich ziemlich unsinnig wäre. Denn erstens haben wir ein Einkommensteuersystem, das sich an der Leistungsfähigkeit zu orientieren vorgibt. Und da ist nun einmal nicht zu bezweifeln, daß jedes Kind auf Grund der finanziellen Belastung, die sein Unterhalt für die Eltern mit sich bringt, die steuerliche Leistungsfähigkeit mindert. Da gut verdienende Väter und Mütter zuvor einen weit größeren Teil ihres Einkommens an die Staatskasse abliefern mußten als Durchschnittsverdienen, ist es nur logisch, daß sie dann auch absolut gesehen einen höheren Betrag sparen (oder vom Finanzamt zurückbekommen), wenn ihre finanzielle Leistungsfähigkeit nach der Geburt eines Kindes abnimmt. Wer sich darüber aufregt, müßte es auch empörend finden, daß Spitzenverdiener, deren Monatseinkommen aus irgendeinem Grund um hundert Mark sinkt, angesichts der nun auch geringeren Steuerlast netto nur 44 Mark einbüßen, während Bezieher kleiner Einkommen in diesem Fall unter dem Strich 78 Mark weniger haben.

Zweitens ist der populäre Vergleich zwischen der Steuerersparnis von Vätern mit hohem und niedrigem Einkommen zwar sehr effektvoll, aber höchst fragwürdig. Viel wichtiger ist doch die Frage, ob es gerecht ist, wenn der Fiskus zum Beispiel zwei Familien mit einem Einkommen von jeweils zweitausend Mark im Monat in gleicher Weise zur Ader läßt, obwohl die einen zwei Kinder zu ernähren und zu kleiden haben, während das andere Ehepaar nur an sich selber denken muß.

Drittens schließlich wird völlig übersehen, daß die Auseinandersetzung darüber, ob ein Steuerfreibetrag reaktionär, Kindergeld dagegen progressiv ist, dem Streit um. des Kaisers Bart ähnelt. Bei genauer Betrachtung sind die Unterschiede nämlich keineswegs so groß, wie die Verfechter eines für jedermann gleichen Kindergeldes uns weismachen wollen – oder selber glauben. Hundert Markt, die unbesteuert bleiben, sind nämlich in jedem Fall für die von der Steuerprogression gebeutelten Bezieher höherer Einkommen mehr wert als für Kleinverdiener, die dem Fiskus von ihrem Einkommen wenig oder nichts abgegeben. Anlageberater bei den Banken pflegen ihren von der Steuerprogression geplagten Kunden das so zu erklären: Hundert Mark, die Sie steuerfrei vereinnahmen können, sind für Sie so viel wert wie 150 Mark, die Sie versteuern.

Es ist daher im Grunde gleichgültig, ob der Steuerfreie Betrag für Kinder vom Arbeitgeber oder (wie beim Kindergeld) vom Arbeitsamt überwiesen wird. Wichtig wäre nur die Frage, wie Familien mit Kindern am zweckmäßigsten und mit dem geringsten bürokratischen Aufwand geholfen werden kann. Aber solche Fragen eignen sich natürlich nicht so gut für billige Parteipolemik. Michael Jungblut