Friedrich Nietzsche hatte die Anfangsverse von "Deutschland, Deutschland über alles" als "Blödsinnigkeit" empfunden. Der Alt-Bundespräsident hatte die erste Strophe als "Irredenta-Gesang" abqualifiziert (über die Qualität des zweiten Verses wollte er lieber schweigen!), der Wiedereinführung der Hymne hatte er jedoch 1952 zugestimmt. Seitdem sind die Strophen des Hoffmannschen Liedes Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland, wenn auch bei staatlichen Veranstaltungen nur die dritte, die von "Einigkeit und Recht und Freiheit", gesungen werden soll – eine Spezialität unserer Verfassungswirklichkeit.

Meistens wurde die Hymne nur gespielt – bei Staatsempfängen und Fußballänderspielen. Doch künftig sollen wir das ganze Lied neu lernen und aus vollem Halse singen – jedenfalls läßt sich das Unternehmen so deuten, das die CDU-Abgeordneten Wilfried Böhm und Klaus Francke samt fast dreißig Fraktionskollegen gesartet haben. In den vergangenen Wochen brachten sie in ihren Wahlkreisen 32 000 Platten mit dem Deutschlandlied unter die Leute; die zweite Auflage rollt schon an. Auch an Schulen und Vereine wird das Lied verteilt. Auf der Plattenhülle wird zwar die dritte Strophe durch Fettdruck hervorgehoben; auch in der musikalischen Abfolge ertönt zuerst, aus Männerkehlen, a capella die dritte Strophe, dann aber folgt das ganze Lied, und die Musik spielt dazu.

Kultusminister Hahn in Stuttgart dachte darüber im Frühjahr noch anders – er mochte eine von Landesvater Filbinger protegierte Heino-Platte wegen der peinlichen ersten Strophe den Landeskindern nicht zumuten. Abgeordneter Francke ist über den Verdacht erhaben, er wolle revisionistischen Gebietsansprüchen bis zur belgischen Maas, zur sowjetisch-litauischen Memel, zur italienischen Etsch und zum dänischen Belt musikalisch Vorschub leisten. Wenn es nach ihm ginge, sollen "aus politischen Gründen" auch Vereine die erste Strophe nicht singen. Aber wozu dann der Aufwand? Singen oder Nichtsingen – das ist hier die Frage. Die Hymne "als Sinnbild der Gemeinsamkeit aller deutschen Demokraten"? Ja, wozu dann eine vaterländische Kampagne unter CDU-Vorzeichen? Warum keine gemeinsame Aktion aller Parteien? Vaterländische Gesinnung als Wahlempfehlung vor der Hessenwahl? Oder als Geheimwaffe einer Wiedervereinigungspolitik?

Drüben dürfen’s die Menschen eh nicht singen. Aber wenn die Deutschen schon nicht gemeinsam singen, so sollen sie doch gemeinsam feiern. Dem Hymnen-Vorstoß aus der rechten Ecke folgt eine Aktion Nationalfeiertag aus der linken. Unter der "Schirmherrschaft" der Schriftstellerin Ingeborg Drewitz und des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters Heinrich Albertz werden gegenwärtig in der Bundesrepublik Unterschriften und Geldspenden für einen überparteilichen Aufruf gesammelt, worin der 18. März zum Nationalfeiertag in beiden deutschen Staaten proklamiert werden soll, zur Erinnerung an jenen Tag des Revolutionsjahres 1848, als Berliner Arbeiter und Bürger die Truppen des preußischen Königs nach blutiger Barrikadenschlacht besiegten.

Auch um dieses Unternehmen weht die Luft traumseliger Romantik. In der kommenden Neujahrsausgabe der Frankfurter Rundschau soll der Aufruf als ganzseitige Anzeige erscheinen. Die Neujahrsnächte in der deutschen Geschichte haben es in sich: Zu Neujahr marschierte Blücher ("Marschall Vorwärts") bei Kaub über den Rhein; zu Neujahr fielen im Deutschen Bund die Zollschranken. Aber hüben anzunehmen, Honecker könnte dieser Idee des gemeinsamen Feierns etwas abgewinnen, wäre genauso weltfremd, als hoffte man drüben, die Bundesrepublik werde sich morgen der DDR anschließen.

Doch verachtet mir die Dichter und die Träumer nicht. Sie passen auf, daß die Idee vom ganzen Deutschland nicht im politischen Alltagsgeschäft unter die Räder gerät. Es war der Schriftsteller Martin Walser, der sich jüngst jeglichem Status-quo-Denken in Ost und West widersetzte: "Wir müssen die Wunde namens Deutschland offenhalten." kj