Es regnete Schlüssel. Kofferberge zogen wie dunkle Gewitterwolken durch die Hotelhalle. Vier Telephone schnarrten Katastrophensignale. Hotelgäste wollten wissen, wie man mit dem fremden, bedrohlichen Leben da draußen vor der Drehtür zurechtkommt.

Im Blickpunkt steht der Portier, der Chefportier, genau gesagt. Er ist der Rocker de bronze im Chaos dräuender Erdbeben und drohender Zusammenbrüche. Die Luft, die er atmet, ist mit Problemen wie mit Pulverdampf geladen. Von ihm erwartet alle Welt, daß er jeder denkbaren Situation glanzvoll gewachsen ist.

Ich hatte Gelegenheit, Herrn Pircher aus kollegialer Nähe zu betrachten. Eine Schicht des Tages (7.30 bis 15.30 Uhr) stand ich neben ihm hinterm Tresen des Münchner Hilton-Hotels, mit dem Nightmanager eine Schicht der Nacht (23.30 bis 7.30). Als erstes lernte ich den Unterschied zwischen Rezeptionisten und Portiers: Rezeptionisten besorgen die Zimmerbuchungen, Portiers alles übrige..

Chefportier Hermann Pircher aus Südtirol ist eine Idealbesetzung, Virtuose eines Wunschkonzertes mit obligater Klingel – ping für Einsätze der Kofferträger (genannt Bellmen, weil dies doch ein amerikanisches Hotel ist), pingping für die Extempores der Pagen. Wenn in der schrecklichen Nach-Moser-Ära die Rolle eines Portiers im Grandhotel zu vergeben wäre, müßten die Blicke des Regisseurs bei Musterung der Gesellschaft "Vom Goldenen Schlüssel" zwangsläufig auf Herrn Pircher fallen.

Herr Pircher überlebensgroß. Er ist ein Phänomen an Geistesgegenwart, Hilfsbereitschaft und Gedächtnis. Beide Hände für Serien doppelter, teils miteinander kombinierter Telephonate nutzend, gleicht er einer freundlichen Inkarnation des vierarmigen Hindugottes Wischnu, der sich vom Herrn der christlichen Metaphysik noch die Attribute der Allgüte und Allwissenheit hinzugeliehen hat (Allgegenwart im Rahmen des Schichtdienstes).

"Man ist dem Gast ausgeliefert", vertraut er mir an, indes seine unsteten Augenlider den Erfahrungssatz scheinbar ins ironische Gegenteil verkehren. Ich beeile mich, ihm aus umgekehrter Perspektive beizupflichten: Der Gast ist ausgeliefert. Doch das Zwinkern ist ein Zeichen von Konzentration und nervöser Spannung. Ein Gast, der sich davon ermutigt fühlte, geheime Wünsche für die Nacht zu offenbaren, geriete zwar nicht an die Grenzen von Pirchers Macht, jedoch an die Kapitulationslinie seiner Dienstwilligkeit.

Derlei gibt’s nicht im Hilton!