Von Julius H. Schoeps

Die ersten Jahre der Weimarer Republik waren ständige Bürgerkriegssituation. Von ihren Anfängen an hatte die junge Republik um das Überleben zu kämpfen. Im Bewußtsein der Nation schien der 9. November 1918 mehr ein unnötiger Betriebsunall als der Anbeginn einer neuen Epoche zu sein. Verankert war die Republik im allgemeinen Bewußtsein der Bevölkerung kaum. "Man kann im geschichtlichen Geschehen", hat der einstige preußische Ministerpräsident Otto Braun im Rückblick erklärt, "an einem Tag eine Monarchie zur Republik stempeln, aber ein großes, in seinen weitesten Schichten monarchisch fühlendes Volk zu republikanischer Gesinnung erziehen, das ist eine ungemein schwere, Geduld und Zeit heischende Aufgabe." Der Zusammenbruch des alten Systems im November 1918 ist in der Tat mehr eine "Revolution aus Versehen" (Walter Rathenau) als eine echte Revolution gewesen. Wirklich geändert hatte sich nicht viel. Abgesehen vom Fortfall der monarchischen Spitze war so ziemlich alles beim alten geblieben. Ein einprägsamer Slogan, der von links kolportiert wurde und später als Romantitel (Th. Plivier) Verwendung fand, war so unrichtig nicht: "Der Kaiser ging – die Generäle blieben."

Ohne die massive Unterstützung durch die ehemaligen kaiserlichen Offiziere und die sogenannten Freikorps hätte die Regierung der Volksbeauftragten die junge Republik nicht über die ersten Monate hin weggebracht. Der in England lehrende Historiker

Hansjoachim W. Koch: "Der deutsche Bürgerkrieg. Eine Geschichte der deutschen und österreichischen Freikorps", Ullstein Verlag, Berlin 1978, 487 Seiten, 40 Abbildungen, 38,– DM,

weist zu Recht in seiner Studie über die Geschichte der Freikorps in den Jahren 1918–1923 auf das Paradox hin, daß eine Regierung mit ausgesprochenen Gegnern des Weimarer Systems zusammenarbeiten mußte, um die neue Ordnung zu erhalten. Im Rückblick ist es heute leicht, darüber den Stab zu brechen. Aus dem Blickwinkel jener Jahre aber gibt es eine Reihe von durchaus einsichtigen Gründen, die das vielgeschmähte "Bündnis" zwischen Sozialdemokraten und gegenrevolutionären Militärs verständlicher erscheinen lassen.

Freikorpsverbände sind nicht erst eine Neuerung des 20. Jahrhunderts. Größere Bedeutung hatten sie bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts (Österreichischer Erbfolgekrieg, Schlesische Kriege) erlangt. Die sogenannten "Freitruppen" der Österreicher (Kroaten, Panduren) und die durch den Preußen-König Friedrich II. errichteten Freikorps waren schon zu ihrer Zeit unrühmlich bekannt. Auch die nach dem Ende des Ersten Weltkrieges aufgestellten Freikorps waren mehr oder weniger bunt zusammengewürfelte Söldnereinheiten, die teils aus verschwommenen politischen Motiven, hauptsächlich aber wegen der Bezahlung oder auch nur wegen der ihnen gemachten Versprechungen ihre Dienste anboten. Einige der Korps lehnten sich in der Namensgebung an die Tradition alter Heereseinheiten an oder nahmen – wie das Freikorps Lützow oder das Yorksche Jägerkorps – Anleihen bei historischen Vorbildern. Zumeist trugen sie aber nur die Namen ihrer Führer wie z. B. Roßbach, von Brandis, Epp oder Ehrhardt. Freikorpsangehörige waren hauptsächlich ehemalige Frontoffiziere und Soldaten, aber auch Studenten, Stellungslose oder schlichtweg Glücksritter und kriminelle Elemente.

Für die radikale Linke waren und sind Freikorps die Lakaien und Vollzugsknechte konterrevolutionärer Kräfte. Das ist nur teilweise richtig. Die Weimarer Republik hätte sich schließlich nicht konstituieren können ohne den Schutzschirm, den die Freikorps gebildet hatten. Koch ist der Meinung, daß die These, die Freikorps hätten bewußt für ihr Klasseninteresse und gegen die Revolution gekämpft, nicht zutrifft, wenig-, stens aber einer Korrektur bedarf. Seiner Ansicht nach ist bei den meisten Freikorpsmännern ein deutliches Bekenntnis, zu Nation und Staat festzustellen. Daß nicht nur konterrevolutionäre Kräfte den Ton angaben, sei u. a. auch dadurch zu belegen, daß eine nicht geringe Minderheit von Freikorpskämpfern sich während der Ruhrkämpfe auf die Seite der "Roten Armee" schlug. Aber auch Koch kann nicht bestreiten, daß die Freikorpseinsätze die revolutionären Aktivitäten in Deutschland abgewürgt haben. Viele der Freikorpssoldaten haben dies später bereut. "Wir aber, die wir unter alten Fahnen fochten", klagte Ernst von Salomen, "wir haben das Vaterland vor dem Chaos gerettet – Gott verzeihe uns, das war unsere Sünde wider den Geist. Wir glaubten, den Bürger zu retten, und wir retteten den Bourgeois."