Angsthasen und Duckmäuser hatten wir schon. Jetzt machen sich – im Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) – Maulwürfe zu schaffen.

Am letzten Wochenende verbot der Innenminister Baum seinen Zollbeamten endgültig, im Gepäck deutscher Reisender nach (natürlich: "linker") Literatur zu wühlen – und bestätigte damit die Existenz der von seinem Vorgänger zunächst geleugneten Literatur-Fahndungs-Liste. Vor dem Hintergrund dieser Meldung muß gesehen werden, was zur Zeit im ZDF geschieht.

Da gab es vor dem Kongreß der Bibliothekare Mitte Mai in Stuttgart die Nachricht, der Verfassungsschutz werfe gelegentlich einen Blick in die Ausleihkartei "verdächtiger" Bürger. Unter dem "höhnischen Gelächter" ("Stuttgarter Zeitung") der Mitglieder erklärte der Tagungspräsident, der Braunschweiger Professor Daum: "Eine Zensur findet nicht statt; mir ist kein einziger Fall bekannt" – und verhinderte die Wortmeldung eines Teilnehmers, der den Ober-Bibliothekar mit einem Fall bekanntmachen wollte. Erst als der präsidierende Bücherwart vom Auditorium niedergestimmt war, erfuhr die Öffentlichkeit von den Vorgängen um die "Fahrbücherei Cuxhaven".

Der Abgeordnete der CDU im niedersächsischen Landtag, Udo von Soosten, hatte auf einer öffentlichen Versammlung das Niveau der dort angebotenen Bücher als "zum Himmel schreiend" kritisiert. Der Index aus Deutschlands Norden gilt in den restlichen 99 südlicheren Prozenten des Bundesgebiets allerdings als Empfehlung: "Die Wirklichkeit des Hauptschülers" vom Pädagogik-Professor Konrad Wünsche; "Schüler machen Politik" von Ulrich Konitzer; Joachim Fuhrmanns (prämiierte) Gedichtanthologie "Tagtäglich" und das 1976 mit dem Bundesjugendpreis ausgezeichnete Buch "Oma" von Peter Härtling.

Kein Wort von Zensur. Es ist das gute Recht von Eltern, die Aufnahme von Büchern in eine Bibliothek zu kritisieren, die mit ihren Steuergroschen angeschafft werden. Formal rechtlich ist es auch in Ordnung, wenn der mit absoluter CDU-Mehrheit regierte Landkreis nach diesem "Fall" den Vertrag mit der Diplom-Bibliothekarin, die in zweijähriger Arbeit die Fahrbücherei aufgebaut hat (und: Vertrauensfrau der Gewerkschaft ist) nicht erneuert.

Wundern darf man sich allerdings nicht, wenn sich unter den Leuten, die an Volksbüchereien oft dem Druck der politischen Machthaber direkt ausgesetzt sind, Unsicherheit breitmacht. Davon (und von Fällen heimlicher Zensur) war in dem Film die Rede, den Werner Hildenbrand für die "Aspekte"-Sendung des ZDF am 19. Mai gedreht hat. Dem "Hauptabteilungsleiter Kultur", Karl Schnelting, war schon das zuviel. Er beauftragte einen Redakteur, Hildenbrands Beitrag "nachzurecherchieren". Der Kollege lehnte solche Zumutung ab. So machte sich Schnelting selber an die Arbeit – ohne den Autor zu unterrichten, ohne sich an die interne Leitordnung des ZDF zu halten, die vorsieht, daß strittige Punkte in einem Gespräch zu klären seien. Was sich Schnelting leistete (Weitergabe privater Briefe an Vorgesetzte; nicht angemeldeter Privatbesuch nach Dienstschluß bei Informanten) nennt die "Initiative Meinungs- und Pressefreiheit" in Frankfurt "Denunziation", Obwohl kein Zuschauer, nicht einmal einer der Zitierten oder Betroffenen, protestiert hat, erzwingt Schmelting einen Eintrag in die Personalakte des (seiner Fürsorgepflicht anvertrauten) Mitarbeiters "wegen Versäumnis journalistischer Sorgfaltspflicht". So macht man nicht nur Mitarbeiter, sondern auch engagierten Journalismus kaputt.

Worum ging’s doch gleich? Um drohende Einschränkung der Meinungsfreiheit. Und was macht eine gemeinnützige Anstalt öffentlichen Rechts, zur Verteidigung demokratischer Freiheiten berufen? Sie leiht den Totengräbern ein Hauptabteilungsleiterhändchen. Rolf Michaelis