Von Bauernfünfern, Parteisoldaten, Schlitzohren und fixen Jungs / Von Nina Grunenberg

München, im September

Gersthofen bei Augsburg, Samstag, zehn Uhr: "Der Anlaß ist ein besonderer", kündigt der örtliche CSU-Parteichef auf dem Marktplatz stolz an. Erwartet wird Professor Hans Maier, der bayerische Staatsminister für Unterricht und Kultus, von seinen Bewunderern einfachheitshalber "unser Starminister" genannt. Ein aufgekratzter CSU-Mann im Jägerhütchen steckt Freund und Unbekannt Bonbons zu, in CSU-Papier eingewickelt, versteht sich. Ein anderer verteilt Flugblätter, ein dritter bunte Strauß-Plaketten, die sich die Kinder auf die Anoraks, auf die Fahrradklingel und ihren Muttern auf die Einkaufstaschen kleben. Der Nieselregen schadet der Stimmung nicht.

Als Hans Maier pünktlich um zehn Uhr auf dem gut gefüllten Marktplatz auftaucht, intoniert die Kapelle der schwäbischen Bläserbuben das Stück "Aus alter Zeit". Der Staatsminister winkt dem Volk verschämt wie ein Ministrant zu, der noch nicht genau heraus hat, wie das Weihrauchfaß beim Hochamt geschwenkt wird, hält eine kurze Rede über die Frage: "Was heißt hier CSU-Übermacht? Wer hat sie denn geschaffen?", dirigiert einen Marsch und läßt sich Fragen stellen.

Kämpferisch wird es während der Veranstaltung nur einmal: Der örtliche CSU-Chef hat in der Menge einen schnellen Jungsozialisten entdeckt, der heimlich ein SPD-Faltblättchen an den Mann zu bringen versucht: "Schule", so der Titel, "Untertanengeist oder Vorbereitung fürs Leben?" "So einen Stil vom politischen Gegner finden wir unerhört", ruft der CSU-Mann verletzt wie ein weidwunder Hirsch ins Megaphon. Das sei hier erstens eine CSU-Veranstaltung und zweitens; "Es gibt keine Alternative zur CSU." Ende der Durchsage.

Pfronten im Allgäu, Samstag, neun Stunden später: Die Wahlkampfveranstaltung der SPD mit Hans-Jochen Vogel, dem Bonner Justizminister und einstigen Münchner Oberbürgermeister, ist für 19 Uhr im "Haus des Gastes" angekündigt. Als Ersatz für den fehlenden Bierausschank haben die Sozialdemokraten im Vorraum ein Tablett mit einigen Gläsern Orangensaft und Bier und der höflichen schriftlichen Aufforderung aufgestellt: "Bitte, bedienen Sie sich." Da das keiner wagt, trinken die Funktionäre und ihre Helfer ihren Saft selber. Zur Sympathiewerbung ist draußen in der dunklen Dorfstraße ein Lautsprecherwagen vorgefahren, aus dem die Hits der neuesten Schlagerparade dröhnen; aber die Discomusik paßt zu den soliden Bergwanderern, die um diese Jahreszeit den Kurort bevölkern, wie ein Pumps in die Alpen.

Tandlers Sorgen