Von Hansjakob Stehle

Wer entsinnt sich noch der Brückenbauer, wenn die Wege über Abgründe für jedermann befahrbar geworden sind? Seit jenem mutigen Dialogversuch, mit dem Polens Bischöfe 1965 bei den deutschen Katholiken um Verständnis für die Grenze an Oder und Neiße warben, ohne ein ermutigendes Echo zu finden, dauerte es dreizehn Jahre bis jetzt die Versöhnung durch eine Reise des Kardinalprimas Wyszynski in die Bundesrepublik besiegelt wurde. "Wir vergeben und wir bitten um Vergebung" – das war die religiöse Formel der "Botschaft" von 1965. Sie führte zwei Nationen aufeinander zu, die bis heute an den Folgen des Hitlerkrieges zu tragen haben.

Der Verfasser des Dokuments, das einen wütenden Ausbruch politischer Eifersucht bei Polens Kommunisten auslöste, war der Breslauer Bischof Kominek, ein Schlesier, dem von Jugend auf die Abneigung gegen jeden Nationalismus buchstäblich eingebläut worden war – auf der deutschen Schulbank, wenn er polnisch, im polnischen Elternhaus, wenn er deutsch gesprochen hatte... Freilich, von Komineks kirchenhistorisch, aber auch menschlich bedeutendster Tat, seiner Versöhnungsaktion von 1965 bis 1969, spiegelt sich nur sehr wenig in den Auszügen seines Nachlasses, den sein Sekretär Jan Krucina jetzt, fünf Jahre nach dem Tode Komineks, in einer Auflage von fünftausend Exemplaren herausgeben dürfte:

Boleslaw Kardynal Kominek: "W Sluzbie ‚Ziem Zachodnich‘" (Im Dienste der "Westgebiete"), Wydawnictwo Wroclawskiej Ksiegarni Archidiecezjalnej (Verlag der Breslauer erzbischöflichen Buchhandlung), 1978, 322 S., 60,– ZI.

Er habe "viele delikate Momente" mit Rücksicht auf den nahen Zeitabstand auslassen müssen, schreibt Krucina im Vorwort. Da aber das Manuskript schon im März 1976 die kirchliche Druckerlaubnis erhielt, ist es wahrscheinlich, daß die staatliche Zensur, die sich fast zwei Jahre Zeit ließ, für den größeren Teil der Lücken sorgte. Was blieb, sind außer zweihundert Seiten Predigten knapp hundert Seiten Memoirenfragmente, die überwiegend aus noch unstilisierten, oft ungeordneten Notizen bestehen. Man erfährt wie Kardinal Hlond 1945 seine aus Rom mitgebrachten päpstlichen Sondervollmachten "restlos und blitzschnell" benützt, um in den Oder-Neiße-Diözesen polnische apostolische Administratoren (darunter Kominek) einzusetzen. Diesen erklärt Hlond: "Das kommunistische System soll man bei diesem großen nationalen Ringen nicht als Hindernis betrachten... Die Kirche muß mit allen politischen Systemen zusammenleben nach dem Christuswort, das sie zu allen Nationen schickte. Die Nation aber ist und bleibt Ausdruck des neuen polnischen Staates, an ihre Zukunft muß man glauben." Nach dieser Devise wurde die katholische Kirche zum wesentlichen, wenn nicht entscheidenden Faktor der Polonisierung in den ehemals deutschen Gebieten.

Kominek selbst erscheint in diesen Aufzeichnungen nur als der glühende Patriot, der er gewiß war. Wenig kommt jedoch der andere Teil seines Wesens zum Vorschein, der jeden, der ihn kannte, beeindruckt hat: sein Verständnis, sein Mitgefühl für die Tragödie der – wie Kominek immer wieder betont – von den Alliierten, nicht von Polen beschlossenen Zwangsaussiedlung aller Deutschen, die nicht schon vor den anrückenden sowjetischen Armeen geflohen waren.

In welchem Maße sich Kominek jedoch gerade um Verständigung mit den Deutschen bemühte, wie viele Fäden er dazu knüpfte, wird ebenso nur angedeutet wie seine vertraulichen römischen Gespräche mit Herbert Wehner und Georg Leber (1969) – "auf neutralem Boden, nicht in der bundesdeutschen Vatikanbotschaft, die uns damals nicht sehr wohlgesonnen war".