MeineZeichnungen sind nicht Nebenarbeiten zu meinen literarischen Werken, sondern die gezeichneten und gemalten Schlachtfelder, auf denen sich meine schriftstellerischen Kämpfe, Abenteuer, Experimente und Niederlagen abspielen. Eine Einsicht, die mir erst beim Durchblättern dieses Buches bewußt geworden ist, auch wenn ich in meiner Jugend nur gezeichnet und erst später geschrieben habe. Ich war immer ein Zeichner ...

Ich kümmere mich nicht um die Schönheit des Bildes, sondern um dessen Möglichkeit. Um ein Beispiel aus der "großen" Kunst anzuführen: Michelangelos "David" ist eine Abstrusität, ein Koloß. 5,5 Meter hoch, während Goliath laut Bibel nur 2,9 Meter groß war. Aber der "David" ist deshalb eine bedeutende Plastik, weil Michelangelo ihn "dramaturgisch" in jenem Moment festhält, da er zur "Statue" wird. Es ist der Augenblick, in dem David Goliath zum erstenmal wahrnimmt; und überlegt, wie er ihn besiegen könne: Wo muß ich den Stein hinschleudern? In diesem Moment verharrt der Mensch in der vollkommenen Ruhe des Nachdenkens und des Betrachtens. Er wird dramaturgisch zur Plastik.

1952 pumpte ich mir, ein Schriftsteller ohne Geld, in Neuenburg ein Haus zusammen. Es war ziemlich schwierig. Wer wollte auch damals einem Schriftsteller Geld leihen. Die Lebensversicherung "Pax", in deren Händen die erste Hypothek lag, kündigte mir denn auch gleich. Doch konnten wir das Haus beziehen. Es half, wer helfen konnte... Ich malte nachts und wurde beim Malen gegen 2 Uhr morgens stets von einer Fledermaus besucht, einem reizenden Tierchen, das ich Mathilde nannte. Einmal war ich unfair, ich schloß das Fenster und machte mich daran, Mathilde zu fangen. Als ich sie gefangen hatte, zeigte ich sie den Kindern und erklärte ihnen, Mathilde sei ein Mäuseengel, dann ließ ich sie wieder frei; Sie war sehr beleidigt und ließ sich nicht mehr blicken. Seitdem ließ mich das Motiv "Engel" nicht wieder los. Nicht aus Spott, mehr aus Übermut. Mathildens Rache: Ich zeichnete unzählige Menschenengel, auch eierlegende Cherubim, aus dem Handgelenk, als Karikaturen.

Mein Humor verführte mich. Dieser Faktor – mein hauptsächlicher – ist nie zu unterschätzen; er ist überall wirksam. Erst nach und nach kam ich dahinter, daß die Engel doch eigentlich furchterregende Wesen sind, Wesen, zu denen sich Mathilde verhält wie eine Eidechse zum Tyrannosaurus-rex. Es begann mich dramaturgisch zu interessieren, wie denn heute ein Engel zu gestalten wäre, gibt es doch auch in der Kunst kaum Engel, die mir einleuchten, vielleicht bloß die zustoßenden, zuschlagenden, zornigen Engel in der "Apokalypse" Dürers. So versuchte ich denn, Engel dramaturgisch darzustellen, die zwei "Todesengel" und den "Engel", an welchem ich lange arbeitete: Auch Engel sind etwas Schreckliches.

Zu den "Turmbau"-Zeichnungen: Dramaturgisch ging es mir darum, die Höhe des Turms darzustellen. Der Turmbau zu Babel wurde oft dargestellt. Ich denke an die Bilder von Breughel. Aber für mich war der Turm immer zu klein. Es war nie der Turm schlechthin; auf meinen Zeichnungen sieht man deutlich die Erdkrümmung – im Verhältnis zu ihr ist der Turm in der ersten Zeichnung, "Turmbau I", 9000 Kilometer hoch. Die "Wolke", die hinuntergreift: kosmischer Staub, der die Erde beleckt. Im Hintergrund die Sonne, wie sie erscheint, wenn wir den Bereich der roten Wasserstofflinien ausblenden. Ich beschäftigte mich seit meiner Kindheit im Dorf mit der Astronomie, später trat die Physik in mein Denken, und heute amüsiert mich vor allem eines ihrer Teilgebiete, die Kosmologie. Hier führt die Moderne die Vorsokratiker weiter. So zeigen denn alle meine "Turmbau"-Bilder die Unsinnigkeit des Unternehmens auf, einen Turm zu bauen, der bis in den Himmel reicht, und damit die Absurdität menschlichen Unterfangens schlechthin. Der Turm zu Babel ist das Sinnbild der menschlichen Hybris. Er bricht zusammen, und mit ihm stürzt die Menschenwelt zusammen. Was die Menschheit hinterlassen wird, sind ihre Ruinen.

Die "Turmbau"-Zeichnungen IV und V zeigen diesen Zusammenbruch: Gleichzeitig ist das Ende der bewohnten Erde gekommen. Der Stern, der in "Turmbau IV" explodiert, ist eine Supernova. Zurück bleibt ein weißer Punkt, ein Neutronenstern, ein Stern mit unendlicher Dichte. Sichtbar werden Galaxien in verschiedenen Stadien ihres Werdens und Vergehens und ahnbar riesenhafte "schwarze Löcher". Sie deuten Endzustände von Sternen an, die wiederum (vielleicht) der Beginn neuer Welten sein können.

Das Motiv des Weltuntergangs ist mit dem Motiv des Todes verbunden: Jeder Mensch, der stirbt, erlebt seinen Weltuntergang. Daß – wie in meinen Stücken – auch in meinen Zeichnungen der Henker eine Rolle spielt, ist nicht verwunderlich; verwunderlich wäre, wenn er fehlen würde. Der Mensch hat in unserem Zeitalter die Rolle des guten alten Sensenmannes übernommen. Der Mensch als Henker ist kein Gevatter Tod mehr, doch leuchtet mir bisweilen der Gedanke Schopenhauers ein, das Leben des einzelnen sei mit einer Meereswelle zu vergleichen: Sie vergeht, aber es entstehen neue Wellen. Ich kann mir nicht denken, daß ich einmal nicht "mehr" bin. Ich kann mir vorstellen, daß ich "immer" jemand bin. Immer ein anderer. Immer ein neues Bewußtsein, daß auch ich einmal den Weltuntergang erlebe. So ist denn der Weltuntergang von einer immerwährenden Aktualität. Dieses Motiv habe ich auf der Bühne im "Porträt eines Planeten" gestaltet. Ich konzipierte den Text als Schauspielerübung, um mit einem Minimum an dramaturgischen Mitteln möglichst viel auszusagen. Vor der Niederschrift habe ich das Motiv in einer Mischtechnik dargestellt: Die Photographie eines Mannes mit je einem Kopf in der linken und rechten Hand erschien zur Zeit des Vietnam-Krieges in vielen Illustrierten. Unten links ist eine ausgebrannte Weltraumkapsel, in der zwei amerikanische Astronauten ums Leben kamen. "Der Weltmetzger" ist eine Gestalt aus der ersten Fassung des Stücks. So ist denn mein dramaturgisches Denken beim Schreiben, Zeichnen und Malen ein Versuch, immer endgültigere Gestalten zu finden, bildnerische Endformel.