Schlimm ist es um die Kommunikation bestellt Fußgängerzonen und die Verasphaltierung ganzer Landstriche sollen ein Remedium sein. Was in den Großstädten nicht (mehr) auffällt, springt einem in Kleinstädten noch in die Augen. Marbach zum Beispiel, von Verkehrsadern zwar zerschnitten, gab sich vor einem Jahr noch ganz lässig. Heute hat man eine neue Schneise geschlagen: die Fußgängerzone ... Eine Asphalt- und Betonschale deckt sorgfältig die Marbacher Innenstadt Nur hier und dort bricht "leider" noch ein wucherndes Krebsgeschwür hervor: ein Strauch, ein Baum... Es gibt Reaktionen oder Haltungen, die von anderen nicht nachvollzogen werden können, und daher nicht nur Mißverständnisse, sondern auch überschnelle intellektuelle Kurzschlüsse hervorbringen. Man reagiert insbesondere auf linker Seite mit sektiererischer Haarspalterei, die nicht selten vom verbissener Intoleranz und persönlicher Verfeindung begleitet wird. Ein Grüppchen, manchmal nur ein Dutzend Leute, meinen den Stein der Weisen gefunden zu haben. Vielleicht ist er es auch. Aber indem (und wie) sie ihn unter das "Volk" werfen, wird er bestenfalls zum Stein des Anstoßes. Die theoretische (Über-) Reife der praktizierten Ohnmacht – dies war eine der nachhaltigsten Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren machen konnte.

Der Germanist der Universität Posen, Hubert Orlowski, nach einem anderthalbjährigen Stildienaufenthalt in der Bundesrepublik in einem Erfahrungsbericht, "Frankfurter Rundschau" vom 23. September.

Junge Filmländer in Mannheim

Filme aus insgesamt achtzehn afrikanischen und arabischen Ländern stellt eine Retrospektive während der 27. Internationalen Filmwoche in Mannheim vor. Zur Eröffnung dieser wichtigen Unternehmung reist der für die Dritte Welt zuständige Bonner Minister Offergeid an. Doch nicht nur überwiegend kaum bekannte Werke aus jungen Filmländern werden vom 9. bis zum 14. Oktober in Mannheim zu sehen sein, sondern auch, zum Beispiel, Bob Dylans Regie-Debüt "Renaldo und Clara" und Luc Bérauds "Die Schildkröte auf dem Rücken", einer der besten französischen Filme der letzten Jahre. Wie immer in Mannheim wird dem langen Dokumentarfilm besonderes Gewicht beigemessen: Aus Italien kommt ein. Zwei-Stunden-Film über Heinrich Böll, aus der Bundesrepublik eine Arbeit über den Neo-Nazismus ("Nazis, gibt’s die noch?" von Ulrich Leinweber), aus der DDR ein Versuch über "Galilei" (Regie: Kurt Tetzlaff).

Wie Frauen bauen

In den Vereinigten Staaten leitet eine Frau, Mrs. Hattis, das Bauministerium; im vergangenen Jahr erschien dort auch die erste, ausführlich illustrierte. Darstellung von "Frauen in der amerikanischen Architektur", herausgegeben: von Susanna Torre. Zwar sind in den Ostblockstaaten schon bis zur Hälfte aller Architekten weiblichen Geschlechts, in den westlichen Industriestaaten aber erst zweieinhalb bis fünf Prozent. Und am Bau-Fachbereich der Technischen Universität Berlin waren noch 1975 zwar alle Sekretäre Frauen, aber alle Hochschullehrer Männer. Anlaß genug also, dagegen anzugehen, wie zur Zeit geschehen: In Paris veranstaltet die Union Internationale des Femmes Architectes et Urbanistes eine Show im Centre Pompidou: Architektinnen stellen aus" (bis 16. Oktober); aus der Bundesrepublik sind dreißig Arbeiten zu sehen. Im Züricher Heidi-Weber-Haus von Le Corbusier ist die Ausstellung "Frauen formen ihre Stadt" mit Beiträgen aus Deutschland und der Schweiz (bis 29. Oktober) zu sehen. Ihnen gemeinsam ist die auffallende Betonung des Gemeinschaftlichen, ob in Sonnenhügeln, Dachgärten, Häuser-Hügeln, -ringen oder -gruppen: "Das Haus soll wie eine Stadt sein." Auch die Bayerische Staatsoper in München erlaubt sich in dieser Saison einen Hinweis auf die Frauen. Sie zeigt in einer Ausstellung "Komponistinnen aus drei Jahrhunderten".

Lina Carstens

Als hierzulande noch niemand von "Grey Power" und "Grauen Panthern" gehört hatte, zeigte sie schon, was das ist: in Sinkel/Brustellins Film "Lina Braake" spielte Lina Carstens neben dem unvergessenen Fritz Rasp jene kampfeslustige Alte, die lieber Reisen macht, Menschen kennenlernt, Streiche spielt als sich der Vorfriedhofsruhe in einem Altersheim zu unterwerfen – die sachliche Anmut der Carstens und der dämonische Greisencharme von Rasp machten sogar die gewisse Jungfilmer-Rührseligkeit des Films erträglich. Doch auch wenn ihr größter Erfolg ein Kinostück war, auch wenn die größte Zeitung unseres Landes nach ihrem Tod klagend ausrief "Unsere liebe Fernseh-Oma ist tot!" – Lina Carstens war zuerst und vor allem eine Theater-Schauspielerin. Geboren in Wiesbaden, hatte sie mit Detlev Sierck (Douglas Sirk) in Leipzig, mit Heinz Hilpert in Konstanz Theater gemacht; sie war die erste deutsche "Mutter Courage", eine berühmte Mutter Wolffen (in Hauptmanns "Biberpelz") und Marthe Schwerdtlein im "Faust". Sie war, neben Therese Giehse, die wohl populärste Volksschauspielerin ihrer Generation. Nicht so intellektuell, so unerbittlich wie die Giehse, sondern milder, versöhnlicher. "Ich bin froh, daß ich, schon so alt bin", hat die Giehse einmal gesagt – Lina Carstens spielte nie die bitteren, immer die unwürdigen, lebensfrohen Greisinnen. War die Giehse eine große Realistin, so war Lina Carstens eine große Optimistin in der letzten Woche ist sie, 85 Jahre alt, in München gestorben.