Josef Stingl, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg, ist optimistisch. Seine Statistiker haben festgestellt, daß die Arbeitslosigkeit in den vergangenen zwei Jahren jeweils im September spürbar zurückgegangen ist: 1976 sank die Zahl um 43 000 auf 890 000 und 1977 um 52 000 auf circa 911 000. Sollte sich der Rückgang in diesem Jahr in etwa dieser Größenordnung bewegen, würde der neue Stand auf jeden Fall unter 900 000 liegen (Ende August waren es 924 000. Mit diesem Ergebnis könnte – vorausgesetzt das letzte Quartal dieses Jahres hält keine Überraschungen bereit – 1978 die durchschnittliche Arbeitslosenzahl auf knapp unter eine Million sinken.

Nicht ganz so optimistisch wie Stingl schätzen die Wissenschaftler des Kieler Weltwirtschaftsinstituts die Lage auf dem Arbeitsmarkt ein. Zwar registrieren auch sie "eine leichte Besserung", ob aber die psychologisch bedeutsame Millionengrenze im Jahresschnitt unterschritten wird, scheint ihnen fraglich. In München sieht man die Situation noch weniger rosig. Das Ifo-Institut stellt in seinem jüngsten Monatsbericht zur Arbeitsmarktlage fest, daß die Betriebe erst einmal die in den Unternehmen vorhandenen Reserven einsetzen werden.

Einig sind sich die beiden Institute allerdings in der Beurteilung der wirtschaftlichen Lage für 1978. Die Kieler Forscher rechnen mit einem Wirtschaftswachstum von drei Prozent, das sie vor allem auf die erhöhte Bautätigkeit und den privaten Verbrauch zurückführen. Auch das Ifo-Institut sieht die Konjunktur in der Bundesrepublik im Aufwind. Die Impulse der letzten Monate kamen – so die Münchner Wissenschaftler – vor allem von der wachstumsfördernden Geld- und Finanzpolitik und durch die Ausgabensteigerungen der öffentlichen Hand. Auch die verstärkte Inlandsnachfrage trug zum positiven Trend der letzten Zeit bei.

Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff will sich offenbar in seiner Vorhersage der wirtschaftlichen Entwicklung noch nicht festlegen. Er rechnet zwar mit einer "leicht ansteigenden Konjunktur", ziert sich aber, genaue Zahlen zu nennen. Für 1978 wird das Wirtschaftswachstum seiner Meinung nach "eher an der drei-Prozent-Marke als darunter liegen".

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