Von Uwe Krist

Plötzlich waren sie da, drei, vier, dann fünf weißliche Leiber, kleine Augenpunkte, schnittige Flossen: Haie.

Wir hockten auf den Vorsprüngen der schräg nach unten abfallenden Korallenwand des Malediven-Atolls, den Rücken geschützt. Die Haie, gut zehn Meter vor uns, wälzten sich um ihre Achse, der Schwarm Doktorfische war wie auf einen Schlag geflohen. Nur die Tentakelkörper der Röhrenaale wiegten sich mit der Dünung im sandigen Grund. Die Preußenfische hatten sich unter Riesenaktinien verborgen, ein Igelfisch döste halb aufgeplustert im Wasser. Die Unterwasserwelt schien stillzustehen.

Wir vier Taucher da unten fühlten uns wie in einem Rausch. Daß wir mit dem Leben spielten, war uns damals unbekannt. Doch nicht die Haie bedrohten uns, wahrhaft lebensgefährlich war allein der Leichtsinn, mit dem wir damals in die Tiefe gestiegen sind. Eine halbe Stunde Tauchinstruktion im flachen Wasser war das gesamte Rüstzeug für den Abstieg über die Klippe des Atolls gewesen, und unsere Begleitung ein Insel-Koch, der sich als Tauchlehrer vorgestellt hatte. Zeichensprache, Rettungsübungen, Materialkunde? Wir wußten allein aus der Flasche zu atmen.

Wie uns zieht es jährlich über 80 000 deutsche Urlauber unter Wasser, oft in "wilde" Regionen, wo es weder Helfer noch Lehrer gibt. Längst können brave Tauchausflüge in der Ostsee oder gar im Mittelmeer die Neugier nicht mehr stillen. Der Winter ist nun hohe Tauchzeit, und gefragt sind in den Reisebüros die exotischsten Ziele – vom Tauchkurs in Thailand bis zum Wracktauchen bei Mikronesien.

Die steigende Abenteuerlust des Normalbürgers registriert auch der Verband Deutscher Sporttaucher (VDST) in Hamburg, dem mittlerweile 12 500 Mitglieder in 236 Ortsvereinen angehören. "Filme wie ‚Die Tiefe‘ oder der "Weiße Hai‘ haben das Interesse eher noch verstärkt", meint der Geschäftsführer Werner Oehms.

Mit der Nachfrage wächst auch das Risiko. Zwar bilden der VDST oder andere kommerzielle Vereine, wie etwa "Poseidon-Nemrod", Mitglieder gründlich aus. Die Zahl der nicht geschulten Ferientaucher aber nimmt stetig zu, und es mehren sich die Tauchunfälle. Selbstüberschätzung und mangelhafte Ausrüstung sind die Ursachen. So haben zum Beispiel die beiden Pariser Ärzte Alain Duvallet und Jean-Luc Monfrais bei 186 untersuchten Tauchunglücken nur zwei entdeckt, die nicht durch eigenes Verschulden geschahen.