Von Karl-Heinz Janßen

Niemand hatte sie erwartet. Soldaten der "Truppe 8341", der Pekinger Leibgarde, die von Maos ehemaligem Leibwächter Wang Tung-hsing kommandiert wurde, verhafteten Maos Witwe, vier Wochen nach dem Tode des Großen Vorsitzenden. Und mit Tschiang Tsching kassierten sie an diesem sechsten Oktober vor zwei Jahren auch gleich die anderen Führer der Größen Proletarischen Kulturrevolution: den kaum vierzigjährigen Arbeiterfunktionär Wang Hung-wen (immerhin zweiter Mann im Politbüro, den Mao ausländischen Staatsmännern schon als seinen Nachfolger vorgestellt hatte), Tschang Tschun-tschiao, den Vizeministerpräsidenten und Politkommissar der Armee (dessen politische Qualitäten kurz zuvor den CDU-Politiker Dregger so sehr beeindruckt hatten) und Yao Wen-yüan, den nahezu allmächtigen Propagandachef und unterwürfigen Vertrauten der Frau Mao. Inzwischen sind sie für immer aus der Partei ausgestoßen worden; die Gnade der Besserung durch Selbstkritik und Arbeitslager wurde ihnen nicht gewährt.

Was an jenem Tage hinter den purpurroten Mauern der Verbotenen Stadt passiert ist, wird die Außenwelt vielleicht nie erfahren. Wollte die "Viererbande" wirklich anderntags gegen den neugewählten Parteivorsitzenden Hua Kuo-feng putschen? Oder hat die alte Parteigarde, die in der Kulturrevolution so arg gebeutelt wurde, eine günstige Gelegenheit erspäht, um sich für erlittene Unbill zu rächen? Oder wurde hier sogar Gott Mao vom Thron gestürzt, also eine "Fünferbande" ausgehoben? Was immer die chinesischen Führer heute sagen mögen – jene vier haben lange Zeit das Vertrauen des Großen Vorsitzenden genossen, ja, es gibt Indizien, daß sie in den Wochen seines Sterbens an seinem Lager Wache halten durften.

Soviel steht fest: Die Linksradikalen im Politbüro waren bei der Abstimmung über die Nachfolge Maos in die Minderheit geraten. Ehe sie sich zur Gegenwehr aufraffen konnten, beispielsweise mit Hilfe der von ihnen beherrschten Massenmedien oder der Volksmilizen und Roten Garden, hatte sich der neue Parteichef Hua Kuo-feng längst des Beistandes der Bürokratie, des Militärs und der Leibgarde versehen, um sich der kulturrevolutionären Fraktion zu entledigen.

Noch immer wird die Kampagne gegen Geist und Anhänger der Vier fortgesetzt – was nicht verwunderlich ist, da die neuen Männer zehn, wenn nicht achtzehn Jahre maoistischer Politik revidiert haben und gegen Prinzipien verstoßen, die dem 900-Millionen-Volk in ungezählten Aufmärschen und Agitprop-Stunden eingehämmert wurden. Was von den Errungenschaften der dennoch weiter gepriesenen Kulturrevolution noch zu halten ist, hat Teng Hsiao-ping, der Erzfeind von Maos Frau, nach seiner glänzenden Rehabilitierung mit unüberbietbarer Ironie ausgesprochen: "Ohne die Große Kulturrevolution hätten wir niemals so deutlich erkennen können, daß es in der Partei solche Karrierejäger wie die Viererbande gab."

Im Sturm der Roten Garden, die Mao 1966 von der Leine ließ, war der Parteiapparat zerschlagen worden: Das halbe Zentralkomitee und drei Viertel seiner Kandidaten erhielten den Laufpaß. Mittlerweile sind Hunderttausende von Chinesen rehabilitiert oder amnestiert, nicht nur die Opfer der Kulturrevolution, sondern auch die vorangegangener Massenkampagnen bis hin zum abgewürgten Hundert-Blumen-Frühling des Jahres 1957, nicht nur Parteigenossen, sondern auch Mitglieder anderer Parteien, parteilose Intellektuelle und verstoßene Künstler.

In den letzten Wochen tauchten in der Presse Namen aus der Versenkung auf, denen die Chinesen seit langem nicht mehr begegnet waren: so Peng Teh-huai, jener Verteidigungsminister, der das Desaster von Maos Großem Sprung so unerbittlich kritisiert hatte und deshalb in Ungnade fiel, so Wang Kuang-mei, die elegante Frau des in der Kulturrevolution gestürzten Regierungschefs Liu Schao-tschi, die seinerzeit von den Roten Garden ihrer Gegenspielerin Tschiang Tsching öffentlich gedemütigt wurde. Das Volk wird sich schon einen Vers drauf machen. Einstige Helden der jugendlichen Roten Garden aber werden vor Gericht gezerrt, weil sie damals in Straßenkämpfen Professoren gefoltert und Arbeiter getötet haben. Ob solch unbekümmerter, um nicht zu sagen unverfrorener Abrechnung mit der jüngsten Vergangenheit bemerkte ein deutscher Chinaforscher, die Pekinger Volkszeitung habe neuerdings dem Witz ihre Spalten geöffnet, berufe sie sich doch jeden Tag auf den Geist des großen Mao.