Ein Brite legt die erste Untersuchung vor

Von Claus Gatterer

Österreich hat den Faschismus zweifach erfahren müssen: den "Austrofaschismus" und den Nationalsozialismus. Beide Bewegungen hatten ihre eigenen, österreichischen "Wurzeln und Charakteristika". Namentlich der Austrofaschismus – ein Konglomerat vieler historisch-landschaftlich und sozial unterschiedlich gefärbter Mikro-Faschismen – unterschied sich wesentlich von den verwandten Bewegungen in Italien und Deutschland, obschon ihm diese als Vorbilder dienten. Bisher hat die Historiographie den Austrofaschismus beinahe ausschließlich als italienisches Importprodukt und den Nazismus als Österreich aufgepfropftes "reichsdeutsches" Phänomen betrachtet. Die Korrektur dieses schrägen Geschichtsbildes kommt nun aus Großbritannien mit

F. L. Carsten: "Faschismus in Österreich – Von Schönerer zu Hitler", Wilhelm Fink Verlag, München, 373 Seiten, 40,– DM.

Die wesentlichen Unterschiede zwischen dem Faschismus in Italien und Deutschland einerseits und dem Austrofaschismus bzw. österreichischen Nazismus fallen auch oberflächlichen Beobachtern auf: • Die faschistischen Bewegungen in Österreich waren in zwei miteinander verfeindete Lager gespalten, in das "austrofaschistische" (ein Teil der "Heimwehren", später neu formiert in der "Vaterländischen Front") und in das nationalsozialistische. Die Austrofaschisten wollten Österreich als Staat erhalten, für die Nazis war der Anschluß das zentrale Anliegen. Da beide Lager aus demselben sozialen Topf schöpften (Kleinbürger, Akademiker, Studenten, Handel, Gewerbe), War jedes für sich bestenfalls eine "halbe Kraft".

  • Weder die Austrofaschisten (1934) noch die Nationalsozialisten (1938) kamen aus eigener Kraft an die Macht.
  • Als der Austrofaschismus sich 1934 unter Mitwirkung der Christlichsozialen als "System" etablierte, blieb die Macht gleichwohl in den Händen relativ gemäßigter "Führer" aus dem christlich-sozialen Bereich (Engelbert Dollfuß, nach dessen Tod Kurt von Schuschnigg). Die lupenrein-faschistischen Heimwehr-Führer wie Starhemberg und Fey wurden mit Nebenrollen abgespeist.
  • Weder der Austrofaschismus noch der österreichische Nazismus haben je eine wirkliche Führergestalt hervorgebracht. Auch die Bundesländer-Haufen des Fußvolkes waren untereinander zerstritten. So fiel es Schuschnigg 1936 relativ leicht, die "Heimwehren" aufzulösen und den Austrofaschismus zur "Vaterländischen Front" zu verwässern. Und die Nazis mußten schließlich Seyß-Inquart, einen "Brückenbauer" aus dem deutsch-völkischen Dunstkreis, als Führer von Führers Gnaden akzeptieren.

Der Austrofaschismus, dieser kuriose Mischmasch aus aristokratischer Reaktion, schwarzgelber Nostalgie, großbürgerlich-bäuerlichem Konservatismus und faschistischem Gewaltherrschafts-Anspruch, band zunächst breite Kreise der nicht anschluß wütigen Rechten an sich, bis hin zu den "Tal-" und "Dorf-Königen" der Alpenländer. Deshalb war umgekehrt der österreichische Nationalsozialismus in den ersten dreißiger Jahren "linker", revolutionärer und radikaler als sein "reichsdeutsches" Modell.