Der Streit um ein Altenheim entzweit seit Monaten eine Gemeinde vor den Toren München. Ausgerechnet jetzt – unmittelbar vor der bayerischen Landtagswahl – erreicht die Auseinandersetzung ihren Höhepunkt, was kaum ohne Schaden für die hier dominierende CSU abgehen kann, der beide Hauptakteure zuzurechnen sind. Sie treten aber längst nicht mehr als gute Freunde auf, sondern als Gegenspieler: der 57jährige Bürgermeister Helmuth Schreyer und der 72jährige Großgrundbesitzer Ferdinand Freiherr von Hirsch.

Krailling an der Schwelle der Landkreise München und Starnberg, etwa zwanzig Kilometer vom Münchner Marienplatz entfernt, ist eine typische Prominenten- und Neureichengemeinde, deren Bevölkerung (heute rund 7700) in den letzten beiden Jahrzehnten vor allem durch den Zuzug gutverdienender Münchner stürmisch gewachsen ist. Ministerpräsident Alfons Goppel wohnt hier ebenso wie Kammersänger Hermann Prey; zahlreiche Bankbosse und Firmenmanager aus der weiß-blauen Metropole haben sich hier niedergelassen und zusammen mit wohlhabenden Freiberuflern und Spitzenbeamten dem idyllisch gelegenen Dorf von ehedem zu einer völlig neuen soziologischen Struktur verholfen.

Die Auseinandersetzung um das Altenheimpro-Jekt, deren Zuspitzung Baron Hirsch nun als "skandalös" empfindet, geht auf das Jahr 1973 zurück: Damals hatte der Landedelmann aus dem unmittelbar benachbarten Planegg, der dort das Familienschloß inmitten eines ausgedehnten Parks bewohnt, der Gemeinde Krailling aus einem insgesamt noch zwanzig Hektar großen Areal 1,3 Hektar für ein Altenheim geschenkt. Wegen Einsprüchen von Nachbarn, die sich auch das Landratsamt zueigen machte, bedrängte man den Baron, er möge ein Ersatzgelände zur Verfügung stellen. Erst nach langem Zögern wurde dann am 11, November letzten Jahres vor einem Münchner Notar von Baron Hirsch und Bürgermeister Schreyer der neue Schenkungsvertrag unterzeichnet.

Für den Bürgermeister war dies höchste Zeit. Denn in der Gemeinde hatten sich inzwischen die Vorwürfe und Verdächtigungen gegen ihn gehäuft; Es wurde geargwöhnt, er habe sich auf einen Kuhhandel mit dem Baron eingelassen und ihm in der Nähe des geplanten Altenheims auf einem Gelände, das bei den Alteingesessenen als "Bonzenviertel" gilt, die Ausweisung von Bauland versprochen. Lange Zeit wehrte sich der Bürgermeister, der trotz vieler Anfeindungen und heftiger interner Differenzen und Querelen wieder als CSU-Kandidat aufgestellt wurde und bei der letzten Kommunalwahl im März immerhin knapp 52 Prozent der Stimmen erhielt, gegen solche Verdächtigungen.

Im letzten Sommer wurde es dann besonders schlimm. Kein geringerer als der Kraillinger CSU-Ortsvorsitzende und Gemeinderat Hermann Oeben, ein angesehener Druckereibesitzer, machte publik, der Bürgermeister habe ihm gegenüber erklärt, der Baron habe als Gegenleistung für die Schenkung Bauland in einer Größenordnung von 50 000 Quadratmetern gefordert, und er, Schreyer, habe sich erst nach langen harten Verhandlungen mit dem Baron auf 20 000 Quadratmeter einigen können. Oeben mußte diese Indiskretion mit dem Ausschluß aus der CSU bezahlen (worüber allerdings noch ein Schiedsverfahren schwebt). Der Baron aber schwieg zu alledem. Angeblich weil man ihm gesagt habe, durch eine Stellungnahme würde er nur der CSU schaden. Schreyer, von der Süddeutschen Zeitung als "vital, schlitzohrig, routiniert und nicht zimperlich" charakterisiert, konnte sich so halbwegs reinwaschen.

Jetzt plötzlich ging der Baron zum Gegenangriff über. Der publicityscheue Junggeselle, der nach den Worten seines Anwalts Josef Laumer "in seinem ganzen Leben nie eine Erklärung an die Presse gegeben" hatte, schrieb nun bitterböse Briefe an den Bürgermeister, von dem er sich telephonisch nicht mehr sprechen läßt; auch die Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat gehören zu den Adressaten, und sein Anwalt wandte sich gleich an den ganzen Gemeinderat. Alle diese Schreiben wurden bereitwillig der Presse übergeben.

Ganz Krailling steht nun kopf. Denn der bisher so zurückhaltende Baron deckte den Bürgermeister mit harten Vorwürfen ein, um zu begründen, warum er bisher die Schenkung noch nicht per Grundbucheintrag vollzogen habe. Er pocht darauf, daß ihm auf dem an das Altenheim angrenzenden Grundstück ein Baurecht zustehe, wobei er sich auf eine Ausweisung aus dem Jahr 1931 beruft. Vor allem bezichtigt der Baron den Bürgermeister einer "Irreführung des Schenkers", weil er das Altenheimgrundstück angeblich hinter seinem Rücken an den neugegründeten Verein "Kraillinger Altenwohnstift e. V." mit Schreyer als Vorsitzendem und sechs weiteren Mitgliedern (darunter die Sekretärin des Bürgermeisters) zu übereignen habe: "Die Gemeinde hat, obwohl selbst noch nicht Eigentümer, das Grundstück weiterverschenkt", und zwar an einen "obskuren, mittellosen" Verein, der auf dem Grundstückswert von vier Millionen Mark "im Laufe von etwa zwanzig Jahren ein Vermögen von etwa achtzehn Millionen Mark aufbauen werde als Dauerpfründe für die Macher des Vereins". Baron Hirsch droht, das Grundstück notfalls einer anderen öffentlichen Institution zum Altenheimbau zu übereignen. Er besteht im übrigen auf seinem Baurecht und verlangt von der Gemeinde, daß sie der "Haßkampagne" entgegentrete.