Von Heinz Josef Herbort

Als das Stück uraufgeführt wurde, im Juli dieses Jahres bei den Münchner Festspielen, war man sich einig: Aribert Reimanns "Lear" war ein großes Werk aus der Gattung der "Literatur-Oper" geworden, vielleicht sogar in eine Reihe zu stellen mit Bergs "Wozzeck" und Zimmermanns "Soldaten".

Als das Stück uraufgeführt wurde, in München mit Dietrich Fischer-Dieskau und Julia Varady, mit Helga Dernesch und Colette Lorand, mit dem contratenoralen David Knutson und unter dem so sorgfältig wie behutsamen Dirigenten Gerd Albrecht, war man sich nicht sicher* ob der "Lear" auch an einem weniger repräsentativen und finanzkräftigen Hause machbar sein könnte.

Als das Stück uraufgeführt wurde im Juli, in der Inszenierung und dem Bühnenbild von Jean-Pierre Ponnelle, war nur der Zweifel sicher, ob nicht Theaterroutine und Erfolgszwang einer Repertoire-Bühne dem Stück schnell den Garaus machen, es vielleicht als zu elitär und vor allem zu verklausuliert kunstvoll, als in seiner Eigentlichkeit also nicht darstellbar denunzieren würden.

Nun hat, als erstes, Düsseldorf sich daran gewagt, und was 1929, vier Jahre nach der Uraufführung, Johannes Schüler in Oldenburg für Bergs "Wozzeck" bewirkte, indem er das Märchen von den "unüberwindlichen Schwierigkeiten" zerstörte, dürfen die Rheinländer für den "Lear" beanspruchen. Ein – halten zu Gnaden – bislang über den Lokalbereich hinaus verhältnismäßig unbekannt gebliebener, aber zweifellos außerordentlich talentierter Dirigent, Friedemann Layer, traute sich die Bewältigung der Monster-Partitur zu – und brachte ein zwar insgesamt die schon so gewichtige Brutalität der Klänge noch verstärkendes, die komplizierten Strukturen nicht gerade aufhellendes, aber doch ungemein dramatisches, vor allem offensichtlich präzise einstudiertes und mit erstaunlicher Sicherheit zusammengesetztes Tonbild von menschlichen Abnormitäten und verbrauchten Menschlichkeiten zustande. Layer setzte im ersten Teil vor allem auf die Aggressivität, um im zweiten um so deutlicher die Wendung hin zu den in kleinste Nuancen gesplitterten sensiblen Farben nehmen zu können.

Das hat seine Vorteile, in dem es zwei der innigsten und gewiß auch "schönsten" (wenn dieses Wort überhaupt erlaubt ist) Szenen in Aribert Reimanns Musik, Cordelias Zwiegespräch mit Lear und Lears Trauer um die tote Cordelia, zu den eigentlichen Höhe- oder Kernpunkten des Stücks macht und die Menschlichkeit wiedergewinnt, die zuvor scheinbar verloren ging, Es hat seine Nachteile, indem gerade die Komplexheit jener Binnenstrukturen, die die scheinbar chaotischen Klänge organisieren, die an Berg und Zimmermann anschließenden und Reimanns handwerkliche Meisterschaft offenbarenden Konstruktionen nicht mehr erkennbar werden.

Dennoch: Nach dieser Düsseldorfer Aufführung, für deren Qualität nicht zuletzt die Ausgewogenheit eines Ensembles vonnöten war (Günter Reich, Lear; Hermann Becht, Gloster; Peter Keller, Edgar; Horst Hiestermann, Edmund; Anna Green, Goneril; Patricia Stone, Regan; Emily Rawlins, Cordelia), muß für den "Lear" nicht länger befürchtet werden, es hätte die Prominenz der Münchner Akteure allein das Stück getragen.