Moskau ist machtlos

Von Christian Schmidt-Häuer

Auf ihrem Privatäckerchen setzten der Kriegsinvalide Matwej Archipowitsch Jarish und seine siebzigjährige Frau Akulina Iwanowna in diesem Frühjahr mehr als zweitausend Kohlpflänzlinge. Die beiden Alten, die durch den Verkauf des Kohls ihre Rente aufbessern wollten, handelten im Einklang mit der neuen Verfassung der UdSSR, mit der sowjetischen Gesetzgebung und mit den Empfehlungen von Leonid Breschnjew persönlich.

Doch die UdSSR ist groß und der Generalsekretär der KPdSU weit – zu weit für das Dorf Nowo Mischastowskoje im Kubangebiet. Als der junge Kohl sproß, kam ein Traktor und pflügte das Feld um. Flinke Hände kappten die Bewässerungsleitung vom Haus zum Feld. Die beiden Alten wurden zum Dorfrat zitiert und belehrt, daß ihr Kohlfeld von 648 Quadratmetern beschlagnahmt sei. Dabei blieb es: Das Feld stand von nun an leer, die Alten saßen ohne Wasser da.

Viktor Alendrewitsch Shukow, durch einen Unfall jung zum Invaliden geworden, wollte seinen beiden Kindern mehr Vitamine zukommen lassen. So baute er ein Gewächshaus, sechs mal drei Meter, auf seiner einen halben Hektar großen Privatparzelle – wie von Verfassung, Gesetzgebung und Breschnjew persönlich abgesegnet. Dennoch wurde Viktor plötzlich zum Exekutivkomitee der Stadt Slavjansk bestellt und aufgefordert, das beheizte Gewächshäuschen innerhalb von sieben Tagen abzureißen. Noch ehe er sich von seinem Schock erholt hatte, rückte der Leiter der staatlichen Kommunalwirtschaft, Jelfimow, mit einigen Genossen an. Kurzerhand schlugen sie die Scheiben des Treibhäuschens ein und zerbrachen das Gerüst.

Häßliche Beule am Sozialismus

Diese Nachrichten aus der Provinz stehen in krassem Gegensatz zu den Leitartikeln der Prawda. In einem Kommentar zur Ernteschlacht bekräftigte das Parteiorgan erst kürzlich den Segen der privaten Nebentätigkeit: "Eine große Rolle spielen die persönlichen Hilfswirtschaften. Aber ohne Unterstützung der Sowjetorgane und Betriebe wird die Sorge für Gärten, Gemüsebeete und Viehzucht zu einer lästigen Sache. Die Kolchosen, Sowchosen und Konsumgenossenschaften werden aufgefordert, der Bevölkerung wirksame Hilfe zu leisten beim Anbau, bei der Beschaffung von Dünger und Viehfutter sowie beim Verkauf der Überschußprodukte."