Über Spontis, Sympis und Revolutionäre Zellen

Von Ulrich Voelkein

Die Erdgeschoßwohnung liegt in Frankfurt, im Freistaat Bockenheim "Freiheit für Luis Trenker, nieder mit dem Watzmann" und "Unterstützt die Guerilla": Abgeblätterte Sprühfarbe auf der pockennarbigen Hauswand entschlüsselt das politische Profil ihrer Mieter. Vor Jahren war die Wohnung noch das kleine Friseurgeschäft an der Ecke gewesen. Die jetzt blinden Spiegel gegenüber der Eingangstür und das gesprungene Waschbecken in seiner Marmorkonsole sind die Restposten aus besseren Tagen. Vier Erwachsene haben sich inzwischen in den drei dunklen Zimmern einquartiert, dazu ein kleiner Junge und "Andreas Baader" – sein Hund.

Gegen die Tristesse der Wohnung, der ausgebleichten Tapeten, gegen den Staub und die zerfledderten Zeitungen, gegen den süßlichdumpfen Geruch aus feuchtem Mauerwerk und Räucherkerzen kommt keine Verklärung an. Die Einrichtung ist kärglich: nicht Bohème, sondern Armut. Auf dem Tisch steht eine halbgefüllte Schüssel eingetrockneter Spaghetti. Tomatensoße und Käsekrümel kleben auf der Decke. Teller und Bestecke sind zu einem schiefen Turm gestapelt, auf dessen Einsturz der Junge und die Erwachsenen in gespannter Gleichmütigkeit warten. Er stürzt.

Von den vieren sind zwei Studenten. Die eine der beiden Frauen ist Abendschülerin, die andere, die Mutter des fünfjährigen Jungen, seit zwei Jahren arbeitslos. Vorher verdiente sie ihr Geld im Schreibbüro einer Versicherung. Sie wurde entlassen, berichtet sie, weil elektronische Schreibautomaten schneller und billiger arbeiten – außerdem würden die nicht schwanger und brauchten auch keinen Urlaub.

Eine neue Subkultur

Die Gruppe lebt seit zwei Jahren zusammen. Kennengelernt haben sich die vier bei einer Solidaritätsveranstaltung für Zimbabwe (Rhodesien) im KOZ, im Kommunikationszentrum des Studentenhauses: "Da waren wir ganz schön alle." Kurt, dem "Juri", war eine langjährige Beziehung "versandet". Dave, der Psychologiestudent, war durch sein Vordiplom gefallen. Angi hatte mit dem Alkohol und den Drogen Schluß gemacht, und Gisela stand nach ihrer Kündigung mit dem dreijährigen Carlos "ausgeflippt in der Landschaft rum". Sie tanzten und blieben die Nacht zusammen und stellten am nächsten Morgen beim Frühstück fest, daß sich "die Mühen der Ebene gemeinsam viel besser aushalten lassen".