Von Rolf Kunkel

New York

Es ist heiß in New York City. Die Luft steht, man weiß nicht, atmet man sie ein oder aus. Das Hemd klebt wechselweise an Haut und Autositz. Wir fahren durch East Bronx. Das Unbehagen, das ich in dieser Gegend verspürt, reicht für zwei. Man fährt nicht in die Bronx, es sei denn als Polizist. Der Mann, den wir besuchen wollen, heißt Bobby Halpern. Er wohnt an der 185. Straße, zusammen mit Iren, Italienern, Juden. Ein wildes Nebeneinander abbruchreifer Häuser, Läden und Bars. In dieser Umgebung ist Bobby groß geworden. Er sieht genauso aus, wie man sich einen alten Fighter vorstellt, gedrungene Figur, 192 Pfund schwer, gebaut wie Rocky Marciano. Augen- und Kinnpartie sind mit Narben übersät. Seine Hand, wenn man sie schüttelt, schließt wie ein Nußknacker. Die Hände sind fast quadratisch. Er weicht keiner Frage aus und nimmt kein Blatt vor den Mund. Manchmal scheint er selbst entsetzt zu sein über das, was er zu berichten hat.

Mit fünfzehn war Bobby Amateurboxmeister des Staates New Jersey; er schlug alles, was ihm in den Ring gestellt wurde. Auf der Straße verhielt er sich ähnlich furchterregend, ein unbezähmbarer Junge, der sich mit allen anlegte: mit anderen Jugendlichen, Erwachsenen, Polizisten. Kein Tag verging ohne Prügelei.

Er begann, sich mit seinen Fäusten zu ernähren, Einbrüche, Raubüberfälle, schwerlich etwas Besonderes in diesem Milieu. Später schrieben Detektive Geiselnahme und Mordversuch in seine Akte, die den Vermerk "äußerst gefährlich" trug. Noch bevor er Profi werden konnte, erwischten sie ihn: Überfall auf einen Supermarkt. Das war 1959, Er wurde zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt. Bei seiner Einlieferung in Sing-Sing marschierten die Polizisten in Sechsergruppen vor, hinter und neben ihm, ein Geleit, das sie zuletzt John Dillinger gaben.

Siebzehn Jahre verbrachte Bobby Halpern in den sichersten Zellen der USA, zuletzt in Attica. Boxen stand dort nicht auf dem Programm, Bobby schlug sich dennoch – mit Insassen und Wärtern, Reihenweise fielen die Gnadengesuche seiner Schlagkräftigkeit zum Opfer. Niemand vermochte die in ihm steckende Vitalität zu bändigen. Mit Liegestützen und Gewichtheben hielt er sich fit.

1976 auf Bewährung entlassen, beantragte er eine New Yorker Profilizenz, kein leichtes Unterfangen für einen 44jährigen Ex-Zuchthäusler. "Bist du in Form?" fragten sie Bobby wieder und wieder, und jedesmal antwortete er: "Was heißt, in Form, ich habe 17 Jahre trainiert." Die Kampfgenehmigung erhielt er im Januar 1977, seither absolvierte er acht Kämpfe, sechs gewann er, davon fünf durch k.o.