Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Oktober

Wie Buster Keaton im Stummfilm, so hat der Agronom und Diplomat Andrej Gromyko die Nachkriegsepochen und die sowjetische Außenpolitik begleitet: mit Leichenbittermine, den Homburger bisweilen wie einen Südwester ins Gesicht gezogen, den Mund depressiv verzogen, den Oberkörper leicht verkrampft, als ließe ihn sein tiefgefrorener Erfahrungsschatz frösteln. Selbst als politischer Slapstick noch Geschichte machte, bei Chruschtschows Schuhplattler in der Vollversammlung der Vereinten Nationen, starrte dieser korrekte Verwaltungsbeamte des sowjetischen Außenministeriums mit frostigen Zügen und scheinbar unbeteiligt in den Saal. Turbulenzen um seine eigene Person hat der dienstälteste Außenminister der Welt in 22 Jahren bewegter Amtszeit immer vermeiden können – bis zur vergangenen Woche.

Als der 69jährige nach einem Schwächeanfall im Glaspalast der Vereinten Nationen von jenem Forum weggeführt wurde, dessen Charta er einst mitgestaltete, nahm die Welt Anteil – ausgenommen die Sowjetbürger, denen der Zwischenfall verschwiegen wurde. Dabei blicken die sowjetischen Fernsehzuschauer ansonsten dank diesem politischen Handlungsreisenden am häufigsten in den Westen. Andrej Gromyko ist – gemessen an seiner Auslandserfahrung – der einzige Weltbürger in der Kremlführung. Aufgestiegen vom Erfüllungsgehilfen der Außenpolitik Stalins zum pedantischen Sanierungsbeauftragten des überlasteten Nachkriegsimperiums ist dieser Weißrusse als erster Karrierediplomat ins Zentrum der Sowjetmacht gelangt.

Seit der amerikanische Präsident Roosevelt 1943 das Beglaubigungsschreiben des damals erst 34 Jahre alten Botschafters entgegennahm, gibt es kaum eine Kriegs- oder Nachkriegsregelung, die in Abwesenheit des Diplomaten Gromyko zustande gekommen ist. Er war bei den Konferenzen der "Großen Drei" in Teheran, in Jalta, im Potsdamer Cecilienhof dabei, auf der Gründungstagung der Vereinten Nationen und in San Franzisko und auf der Indochina-Konferenz, in Genf, beim Berliner, Genfer und Pariser Gipfel. Bei Nikita Chruschtschows Canossagang nach Belgrad 1955 trat er bereits an die Stelle des noch amtierenden Außenministers Molotow – und damit aus dem Schatten Stalinscher Diplomatie.

Was immer Gromyko anschneidet in seinen heutigen Reden, er spricht unvermeidbar von selbstmitgestalteter Politik. Bevor der Doyen am New Yorker Podium den vorübergehenden Schwächeanfall erlitt, hatte er gerade den europäischen Kontinent gelobt. Dort sei der "längste Weg zur Entstehung eines sicheren Friedens zurückgelegt worden". Es ist dies Gromykos eigener Weg – zur peniblen Festschreibung der sowjetischen Zugewinne in die Grundbücher internationaler Verträge. Vom "Mister Njet", der Ende der vierziger Jahre im Sicherheitsrat monoton Nein sagte und in den fünfziger Jahren in Genf die Berlin-Krise mit Sarajewo verglich, ist Gromyko zum wichtigsten sowjetischen Architekten des Gewaltverzicht-Vertrages mit Bonn, des Vier-Mächte-Abkommens über Berlin und der Westpolitik Leonid Breschnjews geworden.

"Doch die Verhältnisse in den verschiedenen Teilen des Erdballs gestalten sich unterschiedlich, da die Welt voller Widersprüche ist", so Hegel-Kenner Gromyko jetzt vor den Vereinten Nationen ohne Leninsche Siegesgewißheit. Der Nahe Osten zum Beispiel sei wegen der "unbestraft gebliebenen Aggression" Israels ein Pulverfaß. Daß der Nahe Osten nicht zur Ruhe gekommen ist, auch daran hat Gromyko in den letzten zwanzig Jahren mitgewirkt – seit er noch im Zeichen der Suezkrise sein Ministeramt Anfang 1957 vorübergehend abtrat. Weitere zehn Jahre früher, vor genau einunddreißig Jahren, war es auch schon Andrej Gromyko, der vor der zweiten Vollversammlung der Vereinten Nationen völlig überraschend für die Teilung Palästinas eintrat – um die englische Position in Nahost zu schwächen. Damals wies er die arabischen Proteste mit den Worten zurück: "Das jüdische Volk war eine lange geschichtliche Zeit mit Palästina eng verbunden ... Es hat durch den Krieg, der von Hitler-Deutschland ausgelöst wurde, mehr als alle anderen Völker gelitten."