Am 3. Oktober 1978 wäre Adolf Reichwein 80 Jahre alt geworden. In diesen Tagen ehrt das Berliner Museum für Deutsche Volkskunde den Wissenschaftler, Pädagogen und Widerstandskämpfer durch eine Gedächtnisausstellung. Es ist schwierig, sich diesen Mann, der in seinem Wirken der Inbegriff von Jugend war, als Hochbetagten vorzustellen. Schon hinter dem 46jährigen Manne lag ein unvorstellbar reiches und vielfältiges Leben, als er vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 20. Oktober 1944 hingerichtet wurde.

Der Sohn einer Landlehrerfamilie war im Ersten Weltkrieg schwer verwundet worden und promovierte nach dem Krieg mit einer Arbeit über den geistigen und künstlerischen Einfluß Chinas auf Europa. Der junge Historiker wurde Berater für Volkshochschulfragen im preußischen Kultusministerium, danach leitete er in Jena die Volkshochschule und gründete das Volkshochschul-Heim, in dem er mit Arbeitern der Zeiss-Werke zusammenlebte. Nach wenigen Jahren der Aufbauarbeit in der Erwachsenenbildung führten ihn abenteuerliche Reisen nach Skandinavien und Alaska, nach Amerika, Japan und China, schließlich nach Mexiko, einmal als Matrose, einmal als Forscher.

Aus der Welterfahrung dieser Reisen stammen sein Buch über die Rohstoffwirtschaft der Erde, aber auch viele Geschichten, die zum Besten der Jugendliteratur gehören. 1928 wurde er persönlicher Referent des preußischen Kultusministers C. H. Becker; er hat die Pädagogischen Akademien mitaufgebaut. 1930 berief man ihn zum Professor für Geschichte an der neugegründeten Pädagogischen Akademie in Halle. Bei all seinen Unternehmungen zeichnete ihn eine seltene Mischung von Vitalität und Denkfähigkeit, von persönlicher Ritterlichkeit und Arbeitsdisziplin aus. In dieser Zeit würde der Wandervogel zum Sportflieger.

Als Hitlers Machtübernahme schon fast sicher war, trat Reichwein in die SPD ein. Bis dahin hatte ihn der bürokratische Charakter der Partei abgeschreckt. Die Nationalsozialisten entließen ihn sofort nach der Machtübernahme, und er stand vor der eigentümlichen Wahl, Professor an der Emigranten-Hochschule in Istanbul zu werden oder als Volksschullehrer in einem abgelegenen Dorf der Mark Brandenburg eine einklassige Volksschule zu übernehmen. Er wählte das letztere.

Wer heute die bürokratischen Kämpfe um die Schulversuche kennt, ist beschämt zu sehen, was an pädagogischer Initiative und erzieherischer Lebendigkeit hier selbst im Schatten des Nationalsozialismus an einem der schwierigsten pädagogischen Probleme entfaltet werden konnte. Adolf Reichwein hat in seinem Buch "Schaffendes Schulvolk" hierüber Rechenschaft abgelegt. Er hat gezeigt, was sogar in scheinbar hoffnungsloser Situation erzieherisch möglich ist: Einheit von Theorie und Praxis, Hilfe für den einzelnen und Solidarität der Gruppe, der Weg des Kindes vom Spiel über den Versuch zum Werk.

Im Widerstand gegen Hitler stand Reichwein im Kreisauer Kreis, der weniger Hitler beseitigen, als vielmehr das, was nach Hitlers unvermeidlichem Ende kommen sollte, geistig vorbereiten wollte. Als Reichwein schließlich die Beseitigung Hitlers als notwendig erkannt hatte, suchte er die Front zu verbreitern: zusammen mit Julius Leber traf er sich zu einem Gespräch mit einer kommunistischen Widerstandsgruppe. Dabei fielen beide einem Gestapo-Spitzel in den Reihen der Kommunisten zum Opfer. Als mir Reichwein im Mai 1944 in Straßburg von der geplanten Verbindung erzählte, hoffte er auf die Möglichkeit einer Zusammenarbeit für einen freien Sozialismus. Ein bürokratischer Sozialismus lag ihm fern. Heute erinnern Adolf-Reichwein-Schulen und Adolf-Reichwein-Straßen in der DDR und in der Bundesrepublik an sein Vermächtnis: eine freie sozialistische Erziehung.

Hellmut Becker