Hätten sie sie nicht gerade abgeschafft, dann müßten sie jetzt eine anschaffen – eine Straßenbahn. Mit soviel Anhänglichkeit, soviel Liebe, soviel Gefühl nahmen die Hamburger am letzten Wochenende Abschied von den letzten vierschrötigen Exemplaren ihrer alten Tram, daß wir gerührt einstimmen in den Nachruf auf die nun zu verschrottende selige Elektrische: Ein schöneres, beliebteres, liebenswerteres Vehikel hat es auf Hamburgs Straßen nie gegeben und wird es nie mehr geben.

"Würden Sie bitte noch einmal bimmeln?" bat am Henkerstag der mitrollende NDR-Reporter im Schienenfahrzeug zwischen Siemersplatz und Rathausmarkt. Und der Wagenführer, mit dem zu sprechen zuletzt nicht mehr ganz so streng verboten war, bimmelte zum Pflastersteinerweichen. "Ist es gut übergekommen?" fragte der Reporter seinen Moderator im Funkhaus, und der Moderator versicherte ihm: "Es ist wunderbar übergekommen!"

Ach, Elektrische – wärst du doch der Hansestadt geblieben! Den Vorstandsherren der HamburgerHochbahn AG hat es gewiß in den Ohren gebimmelt, Ja, es muß sie ein richtig schlechtes Gewissen plagen, daß sie für ihre Straßenbahn die Weichen in Richtung Schrottplatz stellten. 150 000 Hamburger, am allerletzten Wochenende der allerletzten Linie 2 in übervollen Trauerzügen zwischen Rathaus und Endstation unterwegs, hätten sich am liebsten auf die ausgefahrenen Gleise gelegt, den Exodus zu stoppen, der nun bestenfalls ins Museum führt.

Alles rührselige Drehen an den Kurbeln der noch einsatzbereiten drei Dutzend Triebwagen half nichts mehr – Hamburgs Straßenbahn ist tot. In 84 Jahren und 208 Tagen hat sie etwa vierzehn Milliarden Fahrgäste befördert. Ihr Siechtum begann vor zwanzig Jahren als Folge nüchterner Kalkulationen im Hochbahnhaus. Damals wurde dem Schnellbahnbau der Vorzug gegeben. Aber da man so viele U-Bahnlinien nun auch wieder nicht aus dem Untergrund stampfen konnte, gilt inzwischen der Bus als die kostengünstigere Alternative.

Die Hochbahn-Kaufleute rechneten vor, daß ein "Personenkilometer" bei der Straßenbahn mit 1,95 Mark erheblich teurer sei als beim Bus mit 57 Pfennigen. Der Bus sei generell schon deshalb billiger, weil er keine Kosten für Bau und Unterhalt von Gleisen und Fahrleitungen verursache. Die Argumente für und wider sind in langen Diskussionen abgeschliffen. Die Straßenbahnfans haben verloren; überzeugt davon, daß ihre alte Tram wirklich überholt sei, sind sie nicht. Das versteht man besser, wenn man bedenkt, daß Busse mit Dieselöl fahren, der Betriebsstoff der letzten Elektrischen in Hamburg aber Herzblut war.

Er stand neben der großen Gleisschleife auf dem Rathausplatz, der schmucke, gelenkachsige Großraumbus der achtziger Jahre, fabrikfrisch, gut abgefedert, belüftungsaktiv, sehr menschenfreundlich. Die Hochbahn hatte ihn dort hingestellt, ihren Kunden einen Vorgeschmack auf das Fahrgefühl der Zukunft zu geben. Die Leute stiegen auch ein, saßen ein bißchen probe, und dann klatterten sie wieder raus – mit richtig angeekelten Gesichtern. Gegen so ein klappriges, in zwanzig Jahren heruntergekommenes, schrottreif-schönes Urviech von Hamburger Straßenbahn kann so ein Zukunftsbus mit seinem umweltfreundlichen Auspuff nun einmal nicht anstinken...

Einem Bus (soll er doch erstmal ein paar Millionen Menschen transportieren, wenn er kann) wird nie widerfahren, was den letzten Quietschkommoden aus dem Betriebshof Lokstedt am Ende ihrer Tage passiert ist: Sie wurden von ihren lieben Fahrgästen regelrecht auseinandergenommen. Mit Schraubenziehern, Zangen und Plastiktüten rückten die Leute an, um von dem geliebten Verkehrsmittel, das ihnen genommen werden sollte, soviel wie möglich zu behalten. Noch jemand ohne Kurbel?