Hervorragend Sebastian Tapajós: "Guitarra & Amigos". Der Beifall, mit dem seine Konzerte in der Bundesrepublik belohnt wurden, hätte auch dieser Schallplatte gelten können. Der brasilianische Gitarrist und seine Freunde machen hier eine hervorragende Unterhalt tungsmusik, die sich ungefähr zwischen den Markierungen "Folk" und "Pop", zwischen Karneval und Tanzbar entfaltet. Basis fast aller Stücke sind südamerikanische Tänze. Sie werden teils von Tapajös allein auf der Gitarre gespielt, mit erfindungsreichen Vorspielen und Schlüssen, farbig in den Klangregistern, den Tempi, den Verzögerungen und Beschleunigungen, teils von Tabajós "& Amigos", die mit viel Fingerspitzengefühl und Geschmack eine glitzernd mit Effekten besetzte, fröhlich-versonnene Musik machen. Sie hat Schwung, selbst wenn sie (in den Solostücken des Gitarristen) eher in sich gekehrt ist, und sie wirkt konzentriert, wenn sie (in den Ensemblestücken) Jazz und Jahrmarkt streift. (RCA PL 28324)

Manfred Sack

Bemerkenswert

The Bishops: "Live!" Vielleicht hat all das, was ich für diese Platte empfinde, nur mit der vielzitierten Nostalgie zu tun. Tatsache ist, daß außer Dave Edmunds mit seiner Gruppe Rockpile nie jemand den "Sound" des frühen britischen Rhythm & Blues so authentisch wiederauferstehen ließ wie diese fünfköpfige Gruppe – noch dazu in technisch so stupender Qualität. Das reicht vom typischen Vibrato der Rhythmusgitarren, wie man’s von "Five Live Yardbirds" und den frühen Aufnahmen der Kinks und Stones kennt, bis zur verschwitzten Club-Atmosphäre, in der diese vom Blues eines Sonnyboy Williams und Muddy Waters abgeleitete Musik geboren wurde (so herrlich anachronistische Blues-Songs wie "Don’t Start Me Talking" traut sich ja von den Stones bis zu den Punk-Rockern kaum jemand zu bringen). Die Zeiten sind schlecht für Gruppen wie die Bishops, die aus dem Geist eines Bo Diddley mit ungebrochener Energie musizieren. Aber auch jener Tag wird noch kommen. (Chiswick 067.062)

Franz Schüler

Kaum bemerkenswert

Gustav Mahler: "Sinfonie Nr. 1." Die Firma EMI ist in einem Dilemma: Seit Jahren versucht sie, einen Mahler-Zyklus (mit dem die Konkurrenten Decca, DGG und Philips längst aufwarten können) vorzulegen – Klemperer starb ihr ebenso während der Arbeit weg wie Barbirolli, und den aus Amerika aufgedrängten apokryphen Maurice Abravanel mit seinen Sinfonikern aus Utah konnte sie kaum bei uns im den Markt bringen. Nun versucht sie. sich mit dem angeblichen Spät-Senkrecht-Starter Klaus Tennstedt, der, 1926 geboren, zunächst Geiger, Konzertmeister, dann aus der Not einer Erkrankung die Tugend eines Dirigenten machend, Chef in Dresden und Schwerin 1971 aus der DDR emigriert, in Kiel ohne Fortune blieb, aber über Amerika wieder nach Hamburg fand, wo er 1979 Chef des NDR-Orchesters werden soll. Seine erste Mahler-Platte mit den Londoner Philharmonikern bleibt merkwürdig fad, unbestimmt, kraftlos, vor allein: oberflächlich. Da ist ein langes Bibliotheks-Bücherbord mit Theoretikern, aber auch eben die ganze Phalanx derer, die einen Mahler-Boom erzeugten, ziemlich unbeachtet geblieben. Da fehlt sowohl die kluge Analyse dessen, der Mahler-Sinfonien einmal strukturell untersuchte (wie Szell, Boulez), wie die Spontaneität eines Solti; das kommt nicht einmal an die brave Solidität von Haitink oder Kubelik heran. Kaum eine Aufnahme der ersten Sinfonie, die wie diese auch den schlamperten Schmelz des "Wienerischen" so vergäße, und kaum eine, die so flächig die Bläser-Apotheose im letzten. Satz zu bieten hätte. Für einen Zyklus wird man da wohl noch etwas (viel) drauflegen müssen. (Electrola 1C 063-03 298)

Heinz Josef Herbort