Der Prozeß gegen zwei Sowjets hat zu Auseinandersetzungen in der US-Regierung geführt

Von Ulrich Schiller

Washington, im Oktober

Auf einer staubigen Landstraße in der Nähe von Woodbridge im amerikanischen Bundesstaat New Jersey stellten Beamte des Bundeskriminalamtes FBI im Mai einen Personenwagen und verhafteten seine Insassen. Es waren zwei Männer, die das FBI neun Monate lang beschattet und wiederholt auch gefilmt hatte. Sie wiesen sich als sowjetische Angestellte des Sekretariats der Vereinten Nationen aus und behaupteten, auf einer Spazierfahrt in das Einkaufszentrum von Woodbridge zu sein. Doch die FBI-Leute hatten andere Informationen.

Ein James-Bond-Thriller

Seit ein paar Tagen stehen die beiden Sowjets in Newark/New Jersey vor Gericht, und der Prozeß hat innerhalb der amerikanischen Regierung große Auseinandersetzungen provoziert. Die Anklage behauptet, daß Rudolf Petrowitsch Tschernjajew und Valdik Alexandrowitsch Enger damals unterwegs gewesen seien, um Agentenmaterial abzuholen undDollars und neue Instruktionen auszulegen. Das Geld und die Anweisungen waren für den Korvettenkapitän Arthur Lindberg bestimmt. Am vergangenen Sonnabend trat der langgediente Offizier der amerikanischen Marine, ein blonder Hüne von 43 Jahren, in voller Montur im Gerichtssaal auf: als Kronzeuge des Staatsanwalts. FBI und Marine-Abwehr, so berichtete Lindberg, hätten ihn gebeten, bei der Aufdeckung eines sowjetischen Spionageringes zu helfen, der von New York aus operiert und sich zu seiner Tarnung auch der Einrichtungen und des Personals der sowjetischen Handelsmarine bedient haben soll. "Zum Wohl des Vaterlandes" habe er die Rolle eines Doppelagenten übernommen.

Die Umstände des exemplarischen Spionagefalls könnten einem James-Bond-Thriller entstammen: Als Tourist bestieg Lindberg im August 1977 ein sowjetisches Passagierschiff zu einer Kreuzfahrt in die Bahamas. An Bord verfaßte er einen Brief, in dem er andeutete, er brauche Geld für die Zeit nach dem Ausscheiden aus der Marine und stünde mit Informationen aus seiner Branche zur Verfügung. Das Schreiben, an den sowjetischen Botschafter gerichtet, übergab er einem Bordoffizier. Die Sowjets bissen an. Eines Tages sei der Anruf mit dem vorgeschlagenen Stichwort gekommen, und dann habe sich die Zusammenarbeit schnell eingespielt: Der Auftraggeber ruft Lindberg in einer verabredeten öffentlichen Telephonzelle an, er wird zu einer anderen Telephonzelle dirigiert und erfährt erst dort, wo er sein Material deponieren soll.