Von Reinhard Baumgart

Als Botho Strauß sein erstes Theaterstück ("Die Hypochonder"), ja noch als er seinen ersten Erzählungsband ("Marlenes Schwester") vorlegte, schienen seine Arbeitsrichtung, sein Anspruch so verwirrend wie klar: ein Autor für allerfeinste Ansprüche und kleine Auflagen hatte sich da offenbar zu Wort gemeldet, ein Zögling der Traditionen von Novalis und Poe, von Borges, Roussel undBataille, ein beschlagener und beschlagene Leser voraussetzender Manier ist. Doch inzwischen hat auch jene Literaturkritik, die sich vor allem als Kurszettel und Börsentip versteht, die Wachstumsaktie Strauß entdeckt. Der Junge sei womöglich dafür gut, hieß es kürzlich, uns demnächst "den Roman seiner Generation" zu liefern.

So hoch hinaus ins Gewohnte wird er vermutlich weder kommen noch wollen. Was für eine, übliche Erwartungen immer wieder täuschende Karriere hat dieser Vierunddreißigjährige schon jetzt hinter sich: Ein Theaterkritiker, der dann als Dramaturg Texte von Ibsen, Kleist und Gorki so frei bearbeitet, als wären es eigene, der (trotzdem) eigene Stücke zu schreiben beginnt, der außerdem noch Erzählungen publiziert und verstreut sogar Gedichte. Und was für ein branchenfremdes Verhalten, denn für die literaturbetriebliche Pflege seines Images, in Statements, Interviews, Talkshows oder auch nur Photo-Posen, hat Strauß bis jetzt so gut wie nichts getan. Er ist unter allen bekannten Autoren der Allerunsichtbarste geblieben. An seine Texte also müssen wir uns halten.

Unter denen sind die nun vier Theaterstücke sicher die spannendste Entwicklungsreihe, spannend auch durch ihre Konsequenz. Denn seit dem anspruchsvollen, anspruchsseligen Grusical "Die Hypochonder" schien diese Reise Schritt für Schritt aus phantastischen in immer realere Spielräume zu führen. Schon in "Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle" war ein Inbild unserer fünfziger Jahre, der Zeiten Adenauers und der Keßler-Zwillinge, wiederentdeckt worden, aber dort hatte, mitten im Stück, eine Figur immerhin die Haut (statt nur die Identität) gewechselt, und am Ende lag auch noch eine Leiche im Eisschrank. Erst die "Trilogie des Wiedersehens", dieser weite Schwenk über die Kulturverbrauchs-Society unserer Siebziger-Gegenwart, schien endlich mit akribischen Schnappschußserien nichts mehr weitetwahrzunehmen und zu behaupten als den unendlichen, schmerzlichen Stillstand des Bestehenden. Womit Strauß, erst Adept der Schwarzen Romantik, also den Anschluß an die Truppe, an den gängigen Realismus gefunden hätte. So einfach, so beruhigend könnte es ein erster Blick sehen.

Noch das vierte Stück, als Buch schon jetzt, Monate vor der ersten Aufführung, erschienen –

Botho Strauß: "Groß und klein", Szenen; Hanser Verlag, München 1978; 144 S., 16,–DM

scheint solchen großzügig vereinfachten Befund zunächst zu bestätigen. Wieder jedenfalls hat sich der soziale Spielraum des Straußschen Theaters erweitert. Nach der geschlossenen Gesellschaft in einer Hotelhalle, nach dem Körper- und Stimmengewirr in einer Kunstgalerie, diesmal zehn Szenen eines Stationendramas, das von Marokko bis nach Hörnum auf Sylt schweift, das in ein Saarbrückener Schlafzimmer, vor einen Essener Hauseingang, durch die Zehnzimmerflucht einer Wohngemeinschaft führt, um schließlich im Irgendwo-Wartezimmer eines Internisten zu enden, zu verdämmern, das Türken, Fixer und verklärte alte Leute, Besoffene und Mondäne, verzweifelte Intellektuelle und verzweifelte Zahnärzte jäh auftauchen und sanft wieder verschwinden läßt, kaum "groß und klein" gemischt, sondern alle merkwürdig gleichgewichtig und unwichtig, Zeitzeichen eher als Menschen.