Von Hansjakob Stehle

Rom, im Oktober

Das "Wunder" – des Glaubens liebstes, aber auch störrischstes Kind, wird es sich wiederholen? Ende August hatte es die katholische Kirche, ja sogar die ungläubige Welt mit einem Papst überrascht, der die meisten Schablonen, die dieses Amt in Jahrhunderten prägte, nicht etwa verwarf oder anpaßte, sondern einfach liegen ließ. Nichts anderes hatte er sein wollen als priesterlicher Vater – "il papa", wie die Italiener den Pontifex immer. schon nannten, Und er selbst hatte ohne einen Schimmer theologischer Befangenheit Gott, den Herrn "la mamma" genannt. Ein Papst, vom heiligen Geist auserwählt – so hatten es die Kardinäle in ihrer Konklave-Wahlversammlung zu spüren geglaubt. Da aber irren menschlich ist und Laune des Schicksals keine religiöse Kategorie, bleibt nur das Mysterium: Unerforschlicher Ratschluß hat diesen Papst gerufen und bald darauf wieder abberufen. Hinterläßt so Johannes Paul I. seine Kirche ratlos? Hat er ihr in nur 33 Tagen nicht doch eine bleibende Lektion erteilt, die jeden Nachfolger – und die Kardinäle, die ihn wählten – verpflichtet?

Römer und Fremde, Andächtige und Neugierige, die Anfang der Woche zu Hunderttausenden trotz Dauerregens auf dem Petersplatz Schlange standen, um diesen außergewöhnlichen Papst, sein im Tode erstarrtes Lächeln noch einmal zu sehen – sie trauerten, sie bedauerten, aber viele von ihnen haderten auch nach Art des biblischen Job (und schlimmer noch) mit Gott und der Welt, mit den irdischen Mächtigen. Hinter diesen hat die südländische Volksseele immer schon Unheil, Verrat und Verschwörung gewittert. Da mischen sich im Unterbewußtsein historische Erfahrungen mit abergläubischem Mißtrauen und frommem Horror, um unversehens zu einem Schluß zu kommen, der – in anderem Sinne – doch richtig ist: "Man hat ihn, diesen guten Papst, fertiggemacht."

Etwa schon dadurch, daß ihm ein Amt aufgebürdet wurde, von dem er wußte, wie wenig er ihm im traditionellen Sinne gewachsen war? Seit dem ersten verlegenen Seufzer am Wahltag ("... was ihr mit mir gemacht habt") bis zum jähen Ende zieht sich durch das einmonatige Pontifikat diese Befürchtung. Während der ersten Nacht in den päpstlichen Gemächern hatte er nicht geschlafen, "weil mir alle Skrupel in den Sinn kamen." Das gestand er am 27. August seinem Freund, dem Bischof von Belluno. Am 30. August, nach den ersten Tagen in der ungewohnten vatikanischen Umgebung, ihrer leölten, schwer faßbaren Bürokratie, sagte er den Kurienkardinälen (von denen ihm keiner persönlich nahestand, die er aber aus Vorsicht und Nachsicht auch nicht auswechseln wollte), daß er auf ihre Hilfe rechne, denn "es kostet uns nichts, unsere Unerfahrenheit einzugestehen und sozusagen in die Schule gehen".

Hinter dem Trost, daß es "immer schon schwer war, Papst zu sein" (3. September), war unverminderte Sorge spürbar "Wenn mir einer gesagt hätte: Du wirst einmal Papst, dann hätte ich mehr studiert und mich besser vorbereitet. Jetzt aber bin ich alt und habe keine Zeit dazu" (zum Schulbeginn am 17. September). Und nach dem feierlichen Einzug in die Lateranbasilika, seine Bischofskirche, am 23. September: "Obwohl ich schon zwanzig Jahre Bischof in Vittorio Veneto und Venedig war, gestehe ich, daß ich das Handwerk noch nicht gut gelernt habe."

Noch nie hatte ein römischer Papst sein Lehr- und Hirtenamt als "Mestiere" bezeichnet. Hinter dem schnoddrigen Bekenntnis verbarg sich Demut, aber auch Furcht. Wie sollte er die Probleme einer Weltkirche bewältigen, die sich nun in Gestalt von Aktenbergen, Audienznotizen, Nuntiaturberichten, Entscheidungsbegehren in großen und kleinen Fragen vor ihm auftürmten. Wie konnte er die Tragweite alles dessen überblicken, er, der ein viel zu gewissenhafter Seelsorger war, um gordische Knoten mit monarchischer Geste zu zerhauen? Eine Lesemaschine, nicht nur eine Schreibmaschine, müßte es geben, stöhnte er und ermunterte seinen Kardinalstaatssekretär Villot (der zur Zeit Pauls VI. wenig zu sagen hatte) zu monologischen Reden, die mehr neue Fragen als Antworten enthielten.