Von Claus Voland

Ostfriesische Schüler maulen, wenn ihre Lehrer ohne die "Kiste" in die Klasse kommen. Die "Kiste", ein großer Karton, vollgepackt mit Büchern, Bildern, Karten, Dias oder mit Faustkeilen, Speerspitzen und Steinbeilen, ist bei Schülern und Lehrern in der Schulstunde ein "Renner". Lieferant ist das "Regionale Pädagogische. Zentrum" (RPZ) in Aurich. Der Leiter, Christian Petry, hat die Erfahrung gemacht, daß sich viele Kinder geradezu "mit Wonne" auf alle Bücher stürzen, die nicht zur Sorte der strengen Lehrbücher gehören. Das RPZ hat für viele Themen, derartige "Kisten" als Unterrichtshilfe zusammengestellt; so über den Küstenschutz, das Leben der Eskimos, für Experimentierstunden in Physik, Chemie und Biologie. Mit Hilfe des Unterrichtsmaterials in den "Kisten" können die Schüler, so Petry, "entdeckendes Lernen" üben.

Damit ist es freilich am Ende des Jahres vorbei, weil das RPZ auf Beschluß des niedersächsischen Kultusministers Werner, Remmers (CDU) aufgelöst wird. Somit geht nach drei Jahren ein erfolgreicher Versuch zu Ende, Lehrer durch Wissenschaftler "vor Ort" zu beraten, ihnen Unterrichtshilfen zu geben und sie weiterzubilden. RPZ-Leiter Petry: "Die Lehrerfortbildung muß mit der täglichen Schulpraxis verbunden sein und darf nicht in sozialwissenschaftlichen Theorien hängenbleiben."

Das Regionale Pädagogische Zentrum nahm im September 1975 in Form eines Modellversuches seine Arbeit auf. Das Geld kam vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft und vom Land Niedersachsen. Der Stifterverband und der in der Zwischenzeit aufgelöste Deutsche Bildungsrat hatten Anfang der siebziger Jahre die Einrichtung Regionaler Pädagogischer Zentren empfohlen, um pädagogische Theorie und Praxis schulnah miteinander zu verbinden. Die Aufgabe der Zentren sollte sein: Lehrpläne zu überprüfen, ob, sie sich im Schulalltag bewähren und sie entsprechend zu verändern (Curriculumentwicklung), Programme für die Lehrerfortbildung mit den Lehrern gemeinsam zu erarbeiten, die wissenschaftliche Beratung der Lehrer zu verbessern. Der Grundgedanke lautete: Lehrer und Wissenschaftler sollen auf regionaler Ebene praxisorientiert zusammenarbeiten.

Die Kooperation zwischen Schulmeistern und Diplompädagogen ist in Aurich geglückt. In 23 Arbeitskreisen wurden neue Formen des Unterrichts unter anderen in den Fächern Deutsch, Englisch, / Mathematik, Physik, Chemie, Welt- und Umweltkunde, Musik und Kunst entwickelt. Dabei lag der Schwerpunkt bei den Lehrplänen für die integrierte Orientierungsstufe (Klasse fünf und sechs), die in Ostfriesland alle Schüler besuchen. Im Schuljahr 1976/77 nahmen 1700 Lehrer an Fortbildungsveranstaltungen teil, rund die Hälfte aller ostfriesischen Lehrer holte sich bisher im Pädagogischen Zentrum Rat und Hilfe und lieh sich Unterrichtsmaterial aus. Als weiteren Service bietet ihnen das RPZ eine wissenschaftliche Bibliothek von 4000 Bänden und eine Vidiothek an. Hinzu kommen: Eine Sammlung von Unterrichtseinheiten (wie Rechnen mit natürlichen Zahlen oder Rechtschreibunterricht) und eine Schulbuchliste, weil die Lehrer oft nicht wissen, welche Schulbücher in der Region verwendet werden.

In der täglichen Arbeit hören die drei wissenschaftlichen Mitarbeiter und sechs Lehrer des RPZ häufig die Frage: "Haben Sie nicht etwas über...", und dann folgen Themen wie Unfall-Verhütung im Haushalt, Ausgestaltung des Schulhofes, Polizei und Rechtskunde. RPZ-Leiter Christian Petry berichtete von einer ratlosen Lehrerin, die klagte, sie müsse in diesem Schuljahr Englischstunden geben, was sie als Mathematiklehrerin noch nie gemacht habe. Oder: Ein Lehrer hatte sich bereit erklärt, Musikstunden zu geben, weil die Schüler darauf schon seit zwei Jahren vernichten mußten. Der Lehrer hatte freilich das Fach noch nie unterrichtet. In beiden Fällen konnte das RPZ durch Beratung und geeignetes Unterrichtsmaterial helfen.

Das Pädagogische Zentrum ist über Ostfriesland hinaus bekannt. So kommen immer öfter Lehrer aus Bremen, Stade oder Vechta nach Aurich, um sich über neu entwickelte Unterrichtsmethoden zu informieren oder pädagogischen Rat zu holen.