Man mag schon nichts mehr davon hören, nichts mehr drüber schreiben. Das nun schon monatealte Spektakel um die Intendantenposten langweilt die Zuschauer, enerviert die Beteiligten. Doch solange Unheil noch zu verhindern ist, solange noch nicht endgültig feststeht, daß die Groteske zur Tragödie wird, sind Resignation und Zynismus zwar begreiflich, doch unerlaubt. Blamiert haben wir uns ohnehin schon alle: die Kulturpolitiker als Ignoranten, die Kulturjournalisten als Intriganten, die Intendanten als Karrieristen. Doch mag es auch ein abscheuliches Schauspiel sein, das da aufgeführt wird – noch immer dürfen wir auf ein gnädiges Ende hoffen.

Die Situation: da reisen die Kultursenatoren der beiden größten deutschen Städte, die Herren Wolfgang Tarnowski (SPD Hamburg) und Dieter Sauberzweig (SPD Berlin) wie rat- und ahnungslose Freier durchs Land. Ziel ihrer zunehmend panischen Brautschau: ein Theaterleiter, natürlich der schönste im ganzen Land, der mit dem höchsten Marktwert, der besten Presse, den untadeligsten Manieren, am besten alles auf einmal. Leider sind die Senatoren für ihre Expedition denkbar schlecht gerüstet – die Macht, die sie haben, steht in keiner Proportion zu ihrer Sachkenntnis. Wer ein guter Intendant ist, was ein guter Intendant zu tun hat: davon haben sie höchstens schwammige Vorstellungen. Wiewohl eine Weltstadt vertretend, ist ihr (Theater-) Weltbild provinziell. Vom Theater kennen sie genauer nur das Theater in ihrer Stadt; was draußen in der Welt passiert, ist für sie Gerücht und Legende. Sie treffen Entscheidungen – und wissen genaugenommen nicht, worüber. Ihre Unsicherheit macht sie wehrlos gegen Einflüsterungen von allen Seiten: die Stunde der Lobbyisten, im Parlament und in der Presse. Doch weil sich am Ende alle Pressionen gegenseitig aufheben, der Druck von der Linken in der Partei, der Druck von der Rechten, das Gezeter der "Welt", das Gezeter der ZEIT, ist der Kulturpolitiker zuletzt wieder ratlos allein – mit seinen unsicheren Kenntnissen und seinen sicheren Vorurteilen.

Wer, wie Berlins Sauberzweig, erst einen klugen, schwierigen Theaterkritiker (Günther Rühle), dann einen nicht ganz so klugen, dafür sehr umgänglichen Manager (Hans-Peter Doll) zum Generalintendanten machen-will, sich dabei-zweimal blamiert, hat höchst eindrucksvoll bewiesen, welche Prinzipien seine Theaterpolitik hat: keine. Und wer, wie Hamburgs Tarnowski ("Der Spiegel": "ein besonders zart besaiteter Elefant im Kulturporzellanladen eine Intendanz Boy Goberts (notfalls auch eine Generalintendanz) favorisiert, für seinen Herzenswunsch aber nicht öffentlich kämpfen will, siegen oder untergehen, unter Druck gesetzt die Generalintendanz fallenläßt, sodann eine Groteske mit dem Titel "Wir sind nach allen Seiten offen" inszeniert, hat schon bei seiner ersten spektakulären Amtshandlung gezeigt, wieviel Konsequenz er hat: keine.

In einer Frage freilich zeigen die schwachen Senatoren Stärke: Peter Zadek, den Teufel möglicherweise, wollen sie verhindern; kein Hauch von Unruhe, von Anarchie soll durch die Theaterpaläste wehen. Das Ganze sieht aus wie ein neuer, besonders armseliger Akt in einem altbekannten Lehrstück: Von der Kulturspießigkeit deutscher Sozialdemokraten. Der Genosse, zum Senator für Kultur avanciert, versteht sich als Senator für das Kultivierte.

Neue Nachrichten, neue Gerüchte. Erste Version Ivan Nagel hat ein Angebot aus Berlin, würde aber jetzt doch über eine Vertragsverlängerung in Hamburg verhandeln. Zweite Version: Sauberzweig favorisiert Boy Gobert, doch auch der würde lieber in Hamburg bleiben. Dritte bis zehnte Version: demnächst in dieser Zeitung.

Daß Ivan Nagel der beste Nachfolger für Ivan Nagel wäre, meinte die ZEIT schon im Mai – und meint es heute genauso. Doch was wird aus Gobert, was aus Berlin? Das Spiel geht weiter. Bald ist es genug. Benjamin Henrichs