Findet die amerikanische Wirtschaft endlich zur Selbsthilfe?

Von Jes Rau

George Washington schaut mit Recht so säuerlich von der Vorderseite der Ein-Dollar-Note auf die jeweiligen Besitzer. Der Wert des grünlichen Papiers, das mit dem Antlitz des ersten amerikanischen Präsidenten bebildert ist, scheint mit einer Schnelligkeit zu sinken, die umgekehrt proportional ist zur Häufigkeit der Vertrauenserklärungen, die Politiker, Zentralbankiers und sonstige Offiziellen bei Tagungen des Währungsfonds und anderen hochfestlichen Gelegenheiten zugunsten des Dollars abgeben.

Die Dollar-Allergie hat sich inzwischen so verfestigt, daß selbst wirklich gute Nachrichten fast ohne positive Wirkungen auf das Kursgeschehen bleiben. Als das US-Handelsministerium in der Mitte der letzten Septemberwoche bekanntgab, daß das Handelsbilanzdefizit der USA im August nur 1,6 Milliarden Dollar betrug und sich damit gegenüber dem Juli-Defizit fast halbiert hatte, da versickerte die anfängliche Kauflust der Dollar-Spekulanten schon nach einer halben Stunde. Nur so lange brauchte der internationale Geldhandel, um zu dem Urteil zu kommen, daß der August nicht eine abrupte Wende in der Entwicklung der US-Handelsbilanz markiert, sondern das plötzliche Zusammenschmelzen des Defizits zum größeren Teil auf statistische "Sonnenflecken" zurückzuführen ist.

In dem trüben Bild, das sich aus einer Betrachtung der US-Handelsbilanz-Entwicklung in den ersten sechs Monaten dieses Jahres ergibt, gab es auch schon früher einige bemerkenswerte positive Einsprengsel. Negativ beeindruckt zwar, daß sich die Handelsbilanzsituation der USA gegenüber den Industrieländern weiter verschlechtert hat. Ins Auge sticht insbesondere das unerhört stark gewachsene Defizit gegenüber Japan. Der Überschuß, den die USA im Handel mit der Europäischen Gemeinschaft erzielten, ist in den ersten sechs Monaten dieses Jahres überdies beträchtlich geschrumpft. Verbessert hat sich dagegen die Position der Amerikaner sowohl gegenüber den Opec-Staaten als auch gegenüber den Entwicklungsländern ohne Ölförderung und dem Ostblock.

Unter Zugrundelegung der jüngsten statistischen Daten und mit ein wenig Fingerspitzengefühl addiert sich all das nach Meinung der volkswirtschaftlichen Abteilung der New Yorker Citibank so, daß das US-Handelsbilanzdefizit in diesem Jahr gegenüber 1977 folgendermaßen steigt: nach zollstatistischen Zahlen von 30,1 auf 36 Milliarden Dollar und auf der Grundlage der Zahlungsbilanzstatistik von 26,5 auf dreißig Milliarden Dollar.

Im Hinblick auf den Dollarkurs zeigt die Handelsbilanz aber nur einen Teil des Bildes. Um einen Gesamteindruck zu erhalten, müssen auch die Dienstleistungsbilanz (die zusammen mit der Handelsbilanz die sogenannte Leistungsbilanz ergibt), die Bilanz der Kapitalbewegungen und die Bilanz der öffentlichen Kapitaltransaktionen hinzugenommen werden. Die Dienstleistungsbilanz weist in den USA seit wenigen Jahren einen wachsenden Überschuß aus. Der Grund: Die Amerikaner fassen ihre Verkäufe von Waffen als "Dienstleistung" auf, die den entsprechenden Importen, nämlich den Stationierungskosten amerikanischer Truppen im Ausland gegenüberstehen.