Ehe die Ouvertüre zu Richard Wagners "Romantischer Oper" sich aus den d-moll-Sechs-Viertel-Anfängen zum D-dur-Finale im Vier-Viertel-Takt befreit, öffnet sich im Saarländischen Staatstheater der Vorhang auf das "Steile Felsenufer": Unter hellem Sonnenschirm steht klein, weiß, hoch oben, den Querbalken des Bühnenportals fast berührend, ein Mädchen, Senta. Wenig später wird sie singen: "Ich bin ein Kind und weiß nicht, was ich singe ..." Und so endet, nach einer pausenlosen, Wagners Zeitangabe ("zweieinhalb Stunden") kräftig unterschreitenden Aufführung Wolf-Siegfried Wagners Inszenierung: Zwar hat Senta, wie es das Textbuch verlangt, "sich in das Meer gestürzt" – und doch fährt das frontal zur Rampe gebaute "Steilufer" während der letzten Takte wieder empor mit ihr die weiße Kindfrau, die von dem Mann im "schwarzen Wams mit bleicher Miene" träumt. "Der Fliegende Holländer" – ein Traumspiel?

Anders als Harry Kupfer bei den Bayreuther Festspielen dieses Jahres, aber ähnlich eindrucksvoll und zum Nachdenken reizend, versucht Wolf-Siegfried Wagner eine neue Deutung der szenischen Ballade (1842). Der "Fliegende Holländer" ist hier nicht mehr die satanische Märchengestalt des von Ewigkeit zu Ewigkeit die Weltmeere durchpflügenden, nach Erlösung durch "das Weib" gierenden Archetyps des Mannes, sondern ein – in der Entstehungszeit der Oper – lokalisierter Mijnheer, Ausbeuter überseeischen Kolonien. Wenn der sich fremd fühlt in der Welt, dann weil er nirgends mehr zu Haus ist: nicht in der alten europäischen Heimat, nicht in den verführerischen Tropen. Ganz ohne metaphysischen "Fluch" kann dieser Holländer singen: "Ach, ohne Weib, ohne Kind bin ich,/Nichts fesselt mich an die Erde." Wenn er von "Erlösung" durch eine Frau träumt, dann nicht wie in uralten Mythen, sondern ganz real im Sinn seiner Zeit des Frühkapitalismus: als Ende der jahrelangen Kreuzfahrten mit einem Segelschiff, als Heimkehr in einen Hafen häuslichen Glücks. Eelco von Jordis in Saarbrücken ist denn auch alles andere als der dämonische Ahasverus des Ozeans, sondern ein kahlköpfiger, in Kajüte und auf Deck gealterter Kapitän, der sich für sein in Jahren der Einsamkeit gehortetes Gold einen Trost für die verbleibende Lebensfrist kaufen möchte.

Die Konkretisierung der zeitlosen Legendenfigur in Raum und Zeit (der Holländer tritt an der Saar auf mit dem hohen Zylinder einer E.T.A.-Hoffmann-Gestalt) bedingt die gegenläufige Interpretation des Mädchens Senta. Die norwegische Kapitänstochter erscheint schon in ihren weißen Gewändern, mit einem (landesfremden) Sonnenschirm, als Idealbild der "weißen Frau", der sich in Sehnsucht verzehrenden, ewig unglücklichen Nonne. Karen Middletons Attribut in Saarbrücken ist ein zierliches Diaskop, eines dieser Minikinos ("Viewmaster"), die man am Handgelenk mit sich tragen kann: Wird die Bedrängnis durch die Banalität der Wirklichkeit zu groß, drückt Senta den goldenen Bildwerfer vors Gesicht und starrt auf das Inbild des Mannes, auf den sie wartet, auf den abenteuernden Holländer, der "bleich", mit "schwarzem" Wams unter "rotem" Segel in Ewigkeit ihr entgegenfahren wird.

Ihr Pech: dieser "Fliegende Holländer" kommt zu Fuß, ist kein Märchenprinz, kein diabolischer Verführer, sondern ein rüstiger Lebemann. Zigarre im Mund, Whiskyglas in der Hand, so stapft dieser Holländer aus der Hafenbar auf den Kai und belauscht Sentas Unterhaltung mit ihrem Bräutigam, dem Jäger Erik (Werner Brenner). Auf der Holländer-Barke hat eben das unheimliche, faszinierende Ritual einer von Fackeln düster beleuchteten, archaischen Zeremonie vor einem Totempfahl stattgefunden: Die "toten Seeleute" des Schiffes, die den norwegischen Matrosen als "Gespenster" erscheinen, sind Sklaven aus Übersee, die sich vor der Kälte im Schiffsbauch schützen, nur um Mitternacht zu ihren fremdartigen Opferfesten auf Deck kommen. Stürzt jetzt der enttäuschte Kapitän an Bord, treibt seine Untergebenen zur Eile, so sehen sie plötzlich eine Möglichkeit zur Rache. Während der Holländer-Kapitän auf dem Klüverbaum immer weiter nach vorn balanciert, um zu hören, was Senta singt, zu sehen, ob sie sich wirklich ins Meer stürzt, stolpert er und wird von den dunkelhäutigen Sklaven ins Meer gestoßen.

Der ungewöhnlichen Deutung (musikalische Leitung: Matthias Kuntzsch; Ausstattung: Wolf Münzner) verhalf ein junges Ensemble, dessen Mitglieder (auch Rainer Stevens als Daland) in den Hauptrollen debütierten, zu einem auch durch Buh-Rufe nicht zu trübenden Erfolg.

Rolf Michaelis