Von Ernst Klee

Seit kurzem probt die Deutsche Bundesbahn die Rolle als Freund und Helfer der Behinderten. Sie will den Schwerbehinderten das Reisen mit dem Zug erleichtern: Auf den Bahnhöfen Frankfurt, Hannover, Köln, München und Nürnberg stehen kostenfrei "eisenbahngerechte" Rollstühle bereit. Die Meldung weckte bei den Betroffenen Hoffnungen. Doch mit dem "eisenbahngerechten Rollstuhl" ist der Bahn eher ein schlechter Scherz gelungen,

Der eisenbahngerechte Rollstuhl (amtliche Abkürzung "eR") trägt die vielversprechende Modellbezeichnung "Wien". Die Zentrale Verkaufsleitung in Mainz hat dazu in elegantem Bahndeutsch eine Erklärung herausgebracht: "Informationen über das Verfahren zur Erprobung von Prototypen eisenbahngerechter Rollstühle."

Rollstuhlfahrer reisen mit der Bahn meist im zugigen Gepäckwagen, denn Einsteigtüren und Gänge sind zu schmal. Auch die Deutsche Bundesbahn schreibt, Rollstuhlfahrer sollten das Abteil ihres Reisezuges erreichen. Doch statt die Bahn nun behindertengerecht zu machen, wird der Behinderte bahngerecht gemacht. Er bekommt ein Gefährt, das auf die Maße der Reisezugwagen zugeschnitten ist. Das bedeutet: Deutschlands Behinderte werden stramm fasten müssen, wenn sie die Bahnnorm erfüllen und in das Modell "Wien" passen wollen. Der neue Rollstuhl taugt nur für Dünne.

Die Bahn stellt sich die Reise ihrer behinderten Fahrgäste so vor: Der Behinderte trifft auf dem Bahnhof ein. Zwei Helfer heben ihn aus dem eigenen in den eisenbahngerechten Rollstuhl. Die beiden Helfer hieven den Bahnbehinderten in den Zug und schieben ihn ins Abteil. Nun wird er wieder aus dem Modell "Wien" gehoben und auf den Sitz gesetzt. Modell "Wien" wandert in die Gepäckablage: Der eigentliche Rollstuhl wird zum Gepäckwagen gebracht und dort verladen. Vor Erreichen des Umsteige- oder Zielbahnhofes hebt ein Begleiter (der muß mitfahren und voll bezahlen) den behinderten Bahnreisenden alleine (!) in das Modell "Wien", schiebt den "eR" bis zur Tür und wartet auf die zwei Helfer, die am Bahnsteig stehen sollen. Eine Bedienungsanleitung, die in einer Tasche auf der Rückseite des Rückenpolsters enthalten ist, gibt dem Behinderten auf alle Fälle wichtige Hinweise.

Man muß sich das einmal vorstellen: Die Reise geht von Hamburg nach München, so was kommt auch in Behindertenkreisen vor. Dann sitzt der Behinderte auf seinem Sitz fest, menschliche Bedürfnisse muß er sich verkneifen. Und während ihm auf dem Bahnhof zwei Helfer assistieren, in den "eR" hinein- oder herauszukommen, bewältigt dies während der Fahrt einer (sofern der Behinderte einen hat!). Und wenn beide am Bahnhof ankommen, hieven ihn zwei Helfer hinaus und sprinten anschließend zum Gepäckwagen, um den eigenen Rollstuhl herauszuholen. An den meisten Bahnhöfen haben sie dazu eine Minute Zeit.

Reist der Behinderte jedoch ins Ausland, auch das kommt nun einmal vor, dann wird es verwickelt, denn der "eR" verkehrt nicht über die deutschen Landesgrenzen. Entwederbleibt der Behinderte in seinem Rollstuhl im Gepäckwagen, oder er läßt sich umsetzen und reist bis zur Grenze im Abteil. Dann fliegender Wechsel: Rollstuhl aus dem Gepäckwagen holen, umsetzen, Behinderten in den Gepäckwagen verfrachten.